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25:22 über Bremen – Altlandsberger Trainer muss Haare lassen

19.01.2015
19.01.2015 · 3. Liga, Frauen 3. Liga, Staffel Nord · Von: pm verein

25:22 über Bremen – Altlandsberger Trainer muss Haare lassen

Gewiss, die Frauen des MTV Altlandsberg haben mit dem 25:22 (15:9)-Sieg über Werder Bremen nicht gerade die Handball-Welt eingerissen. Für die ganz großen Schlagzeilen sorgen dieser Tage eher Deutschlands Männer bei der WM in Katar oder die Wintersportler namens Neureuther, Freund, Frenzel oder wie sie alle heißen. Aber dieser Sieg in der Erlengrund-Halle hatte auch alles, was das Sport-Herz braucht – Tempo, Technik, Tore, Tränen, Tam-Tam und ganz viel Teamgeist.

Die Leistung des Tabellen-Elften gegen den Spitzenreiter war spektakulär. Und die Reaktionen waren fast schon wie eine Eruptionen, emotionale Ausbrüche, wie man sie in der 3. Liga der Damen selten erlebt. Bis dieser Artikel hier auf den Sender ging, hatten den am späten Sonnabend ins Netz gestellten kleinen Trailer für die journalistische Erstversorgung schon 981 Leute angeklickt. Begleitet in Facebook von jeder Menge Daumen hoch und tollen Kommentaren von Wismar bis Massen. Wahnsinn auch, was da in der „Erle“ ablief. 2:1, 6:2, 11:3, 15:9 für den Außenseiter bis zur Halbzeit. „Es war überwältigend“, sagte später Rückraumspielerin Christiane Wiechert. „Dabei hatte ich vorher noch gedacht – nur nicht abschlachten lassen.“

Doch davon waren die MTV-Damen weit entfernt. Trainer Fabian Lüdke schickte zunächst seine Erfolgsformation vom 26:26 gegen Wismar ins Rennen. Und die wirbelte den Favoriten aus dem Norden nach allen Regeln der Handball-Kunst auseinander. „Unsere Abwehr steht zurzeit fabelhaft und Torhüterin Kathrin Wiehle hielt ja zeitweilig wie eine Außerirdische“, so MTV-Co-Trainerin Eveline Sellert. „Das war aber gegen diesen ungemein flinken und technisch starken Gegner auch nötig, um letztendlich erfolgreich zu sein.“ Mit ihren spektakulären Taten raubte „Schulle“, die im März junge 44 Jahre wird, der aber nach dem Spiel jeder Knochen weh tat, den Bremerinnen immer mehr die Nerven. Die Folge: Die Marie-Christin Kaiser, die Jennifer Börsen oder die anderen prima Handballerinnen aus Bremen vergaben die klarsten Chancen.

„Altlandsbergs Torhüterin hat das Spiel gewonnen. Ihre Paraden raubten unseren Spielerinnen die Nerven“, so Werder-Trainer Radek Lewicki. Und er merkte an: „Kathrin Wiehle hielt ja nicht nur großartig. Ihre Kontervorlagen kamen sehr präzise und scharf wie Würfe. Fast immer auf die Nummer 10, Sophie Lütke, die die Vorlagen immer wieder verwandelte. Das hat das Spiel entschieden.“ Gut analysiert. Aber bei dieser Partie hatten natürlich auch noch andere vom Gastgeber-Team große Auftritte. Und das System stimmte.

MTV-Handball-Abteilungsleiter André Witkowski: „Das war eine tolle Vorstellung von unseren Frauen. Auch taktisch. Es war sehr clever, wie sie zwischenzeitlich immer wieder das Tempo aus dem Spiel nahmen. Damit ist der Gegner gar nicht klargekommen.“ Dennoch kam Werder noch mal ran. Als der MTV in der zweiten Halbzeit seinen Vorsprung nicht so verwalten konnte, wie erhofft. „Als es so rund zehn Minuten vor Schluss 21:17 stand, dachte ich schon, ich brauche Herzpillen“, sagte Altlandsbergs Bürgermeister Arno Jaeschke. Aber spätestens nach dem 22:17 (51. Minute) durch Linksaußen Annika Fleck, die ein Riesenspiel absolvierte und Treffer aus den kompliziertesten Lagen erzielte, sowie dem 23:17 (53.) durch Sophie Lütke war die Sache durch. Danach war dann endgültig Jubel-Zeit.

Kompliment an das ganze Team und seinen erst 24-jährigen Trainer Fabian Lüdke, der eine Top-Arbeit abliefert. Und der das Lob an seine Mannschaft weiter gab: „Das war eine ganz großartige Leistung, vor allem, wenn man weiß, dass wir eine sehr komplizierte Woche hinter uns hatten.“ Bekannt ist: Die Kostenfrage im Verein ist immer schwieriger zu meistern. Am Donnerstag wurde das Team schließlich mit dem konfrontiert, was Chef André Witkowski später auch im Erlengrund-Echo vermittelte: „Sowohl mit der ersten Damen- als auch ersten Männermannschaft haben wir zu Beginn des Jahres Gespräche geführt und die Bitte artikuliert, Reduzierungen ihrer Aufwandsentschädigungen bis zum Ende der Saison zu akzeptieren.“

Und was war die Reaktion der Drittliga-Damen? Am späten Donnerstag steckten sie bei einem Italiener bei Pizza, Salat und Pasta die Köpfe zusammen, beratschlagten – und lieferten dann am Sonnabend dieses Spiel voller Können und Leidenschaft ab. Charakter-Note 1 plus. „Wir spielen doch nicht für Geld“, stellte die neunmalige Torschützin Sophie Lütke nach der Partie klar. „Wir stehen immer wieder auf. Und wir spielen, weil wir Spaß am Handball haben und weil wir eine so geile Mannschaft sind, bei der heute fast alles geklappt hat.“

Was das Wirtschaftliche betrifft: Bei einem kleinen Umtrunk nach dem Spiel stellte Chef André Witkowski dem Team einen neuen neuen MTV-Sponsoring-Beauftragten vor. Die Details hier demnächst. Es besteht jedenfalls wieder Hoffnung. Bliebe nur noch zu klären, wie Kathrin Wiehle, die Heldin des Tages, ihre unglaubliche Leistung kommentierte. Die Torhüterin in ihrer unvergleichlichen Art zum MTV-Berichterstatter: „Du weißt doch, 80 Prozent sind Glück, zehn Prozent sind Können und die restlichen zehn Prozent kannst du dir ausdenken.“ Die Kathrin, wie sie leibt und lebt. Und wie sie die Fans seit Jahren lieben.

Noch ein kleiner Nachtrag. Vor dem Spiel wurde ausgemacht: Wenn die MTV-Frauen gegen Bremen gewinnen, muss der Coach Haare lassen. Passiert jetzt! „Aber nicht kürzer als zwei Zentimeter“, fleht Trainer Lüdke schon. Da steht das nächste Gaudi an.

Die nächste sportliche Herausforderung ist bereits am kommenden Sonnabend (19.30 Uhr) in der Erlengrund-Halle zu meistern. Wird es auch das nächste Spektakel? Auf jeden Fall sollte man sich die Partie gegen die Bundesliga-Reserve von Buxtehude nicht entgehen lassen.

MTV mit: Kathrin Wiehle, Jenny Haß: Christiane Wiechert 4, Sophie Lütke 9, Linda Mandelkow 2, Lisa Schönfelder 2, Sylvia Kalina 2, Annika Fleck 6; Viktória Várkonyi, Manja Berger, Jasmin Weise, Marion Priemer.