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Mittendrin statt nebenbei: Erste Handball-Unified-Liga entwickelt sich zu einem vollen Erfolg

04.12.2013
04.12.2013 · Home, Jugend, Verband · Von: PM

Mittendrin statt nebenbei: Erste Handball-Unified-Liga entwickelt sich zu einem vollen Erfolg

Im September 2013 startete die bundesweit erste Handball-Unified-Liga in Hamburg mit vier Vereinen, Mut zu Experimenten und großer Begeisterung für den Sport. Die Hanseaten sind damit ein Vorreiter in einer Phase, in der sowohl Vereine als auch der Deutsche Handballbund (DHB) das Thema Inklusion zunehmend für sich entdecken. Ein Besuch beim dritten Spieltag der ‚Freiwurf Hamburg-Liga‘ zeigt, welches Potenzial in dem Bereich der Special Olympics liegt.

Die Partie endete am Abend des ersten Adventssonntages genauso, wie sie 40 Spielminuten zuvor angefangen hatte: gemeinsam. Die Mannschaften des SV Eidelstedt und des AMTV bildeten einen Kreis an der Mittelinie, legten die Arme umeinander und verabschiedeten sich mit einem gemeinsamen Schlachtruf voneinander. In der Freiwurf Hamburg-Liga sind Gegner eben nicht einfach Gegner, sondern Freunde; man kennt sich gut, hat teilweise zusammentrainiert und fährt gemeinsam auf Turniere. Dass die Mannschaften größtenteils aus Menschen mit geistiger Behinderung bestehen, spielt dabei eine untergeordnete Rolle, im Mittelpunkt stehen der Sport und das gemeinsame Erlebnis. 

„Unsere Spielerinnen und Spieler definieren sich alle über die Sportart, und eben nicht über die Behinderung“, beschreibt Katharina Pohle die Situation. „Sie sind einfach Handballer und spielen Handball in ihrer Liga - mittendrin und eingebunden in einen alltäglichen Spieltag in Hamburg.“ Die 33-jährige Pohle, die mit dem TSV Travemünde in der 2. Bundesliga spielte, arbeitete vier Jahre lang für Special Olympics und engagiert sich aktuell bei der Initiative „Freiwurf Hamburg“, die seit 2010 Menschen mit geistiger Behinderung die Chance bietet, gemeinsam Handball zu spielen und zu trainieren. Nachdem die Initiative in den letzten drei Jahren deutlich gewachsen ist, wurde im August 2013 ein weiterer Meilenstein gesetzt: In Zusammenarbeit mit dem Hamburger Handball-Verband wurde die bundesweit erste Unified-Handball-Liga unter dem Dach eines Fachverbandes gegründet. 

Neben dem AMTV und dem SV Eidelstedt haben in dem Elmshorner HT und dem FC St. Pauli zwei weitere Vereine für die Liga gemeldet. Eine alters- oder geschlechtermäßige Trennung gibt es hier nicht, Männer und Frauen spielen genauso selbstverständlich zusammen wie die Erwachsenen mit den Jugendlichen. Pro Mannschaft dürfen nur zwei Spieler ohne geistige Behinderung, so genannten „Unified-Partner“, eingesetzt werden; Spielausweise werden nicht benötigt, das ist eine der wenigen Sonderregeln, die für die Liga gelten. Eine weitere ist die so genannte „Vier-Tore-Regel“. Pohle: „Jeder Spieler darf in einem Spiel maximal vier Tore werfen, jedes weitere wird als Abwurf gewertet. Diese Regelung soll ein ausgeglichenes Spiel ermöglichen und dabei helfen, dass alle in das Spiel miteinbezogen werden.“ Es sei ein Versuch, regulierend einzugreifen, ohne „den Gedanken des Spieles grundlegend zu verändern, denn das wollen wir nicht“, wie Pohle erklärt. Wie gut die Liga angenommen wird, zeigt sich an diesem Adventssonntag in Elmshorn: Die Tribünen sind voll, die Stimmung ist gut und auf dem Feld sind die Spieler mit vollem Einsatz dabei. Das erste ‚Freiwurf-Hamburgliga‘-Spiel an diesem Tag gewann der EHT gegen St. Pauli mit 20:3. Das Spiel zwischen dem SVE und dem AMTV endete mit 16:10 für die Eidelstedter deutlich knapper. 

Als eine „Win-Win-Situation für alle Seiten“ bezeichnet Ralf Martini, Vizepräsident Spieltechnik des Hamburger Handball-Verbandes auch deshalb die Einrichtung der Liga. Auch für den DHB, der sich der Inklusion in Zukunft stärker öffnen möchte, ist die Hamburger ‚Freiwurf-Liga‘ ein Gewinn, denn dort wird erstmals eine Möglichkeit gelebt, wie man in Zukunft inklusive Mannschaften unter dem Dachverband unterbringen und fördern könnte. 

„Wir wollen und müssen den DHB der Inklusion öffnen“, hatte DHB-Vertreterin Doris Birkenbach bereits Anfang November unterstrichen, als eine Abordnung des weltgrößten Handballverbandes den zweiten Spieltag der ‚Freiwurf Hamburg-Liga‘ besuchte. Nun fügt Birkenbach, Vize-Präsidentin des HVSH und Stellvertreterin von Georg Clarke in der DHB-Jugendkommission, hinzu: „Das Hamburger Modell zeigt einen vielversprechenden Weg auf. Inwieweit dieser auch in anderen Landesverbänden - und besonders denen der Flächenländer, wo die Wege weiter sind - umsetzbar ist, müssen wir schauen. Aber als DHB werden wir uns in Zukunft dafür einsetzen, Projekte wie diese Liga auf breiter Basis zu fördern und bekanntzumachen.“

Unabhängig von ihrer Rolle als Vorreiter sind die Spieler einfach glücklich, Handball spielen zu können - so, wie der 33 Jahre alte Patrick, der „mit Stolz“ (Pohle) das Trikot des AMTV trägt. Paddy, wie sie ihn rufen, ist seit der Gründung der „Freiwurf Hamburg“-Initiative dabei. „Mit dem Team und den anderen zu spielen“, mache ihm am meisten Spaß, erklärt Patrick nach dem Abpfiff seines Spieles am Sonntagabend. Zwar sei er enttäuscht über die Niederlage, denn natürlich wolle er auch gewinnen, aber „das wichtigstes ist, dass wir alle hier sind - nicht, wer gewinnt oder verliert. Die Gegner sind zwar das Spiel über meine Gegner, aber trotzdem irgendwie Freunde.“