Mit Pfiff nach ganz oben
Wie ist der Karriereweg als Schiedsrichter aus dem Bezirk bis in die Bundesliga?
Sie sind die besten 42 Schiedsrichter*innen von den über 23.000 Unparteiischen in ganz Handball-Deutschland: 15 Schiedsrichter-Teams gehören in dieser Saison dem Elitekader des Deutschen Handballbundes an (30), sechs Schiedsrichter-Teams stehen im Elite-Anschlusskader auf dem Sprung in die höchste deutsche Riege (12).
Sie alle haben das geschafft, wovon hunderte junge Referees träumen: den Schritt in die 1. Bundesligen der Männer und Frauen. Jutta Ehrmann, Leiterin Schiedsrichterwesen im Deutschen Handballbund, machte das ihren Spitzen-Schiedsrichtern auf dem Sommerlehrgang in Halberstadt noch einmal unmissverständlich klar. „Ihr seid ein Kreis, da würden andere danach lechzen, in der 1. Reihe zu sitzen“, sagte sie in ihrer Kadersprache. „Ihr sei die Elite. Seid euch dessen bewusst.“
Die 42 Schiedsrichter*innen haben in den vergangenen Jahren bzw. Jahrzehnten alle einen unterschiedlichen Weg zurückgelegt. Bei manchen Gespannen ging es (gefühlt) ebenso gradlinig wie glatt nach oben, ein Aufstieg folgte auf den nächsten. Andere Wege waren verschlungener, die Unparteiischen mussten zwischenzeitliche Rückschläge wie einen Abstieg oder eine lange Verletzungspause einstecken. Einige haben (mehr als) einen Partnerwechsel hinter sich; andere können sich nicht vorstellen, jemals mit einem anderen Partner auf der Platte zu stehen.
Sie alle haben aber eins gemeinsam: Sie haben sich von den Anfängen in ihrem Bezirk bis in die Bundesliga hochgearbeitet. Der Startschuss jeder Schiedsrichter-Laufbahn ist die Grundausbildung zur Erlangung der Schiedsrichter-Lizenz im Kreis bzw. Bezirk. Die Ausbildung ist dabei je nach gültigen Regularien des jeweiligen Landesverbandes ab 12, 14 oder 16 Jahren möglich.
Nach der praktischen Prüfung folgen die ersten Einsätze - entweder zunächst als Einzel-Schiedsrichter oder direkt im Gespann. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab; eine pauschale Vorschrift gibt es nicht. In der Regel werden junge Schiedsrichter*innen zunächst im Jugendbereich eingesetzt und bekommen, sobald sie bereit sind, nach und nach immer mehr Erwachsenenspiele.
Eine einheitliche Kaderstruktur bzw. einheitliche Bezeichnung der Kader gibt es deutschlandweit auf der regionalen Ebene nicht. Das hängt von der Größe des jeweiligen Kreis-, Bezirks- bzw. Landesverbandes ab. Mitunter gibt es für junge Gespanne besondere Förderkader - wie beispielsweise im Handballverband Niedersachsen-Bremen, wo es einen Perspektivkader und einen Jugend-Einzelkader gibt.
Der 1. Schritt: Die Regionalliga
Der Aufstieg in den Bereich der Regionalligen ist der erste Schritt auf der Karriereleiter. Junge Gespanne sammeln in ihrer Handball-Region in der Regionalliga der C- bis A-Jugend erste Erfahrungen in einer überregionalen Liga - entweder innerhalb eines Bundeslandes (wie in Baden-Württemberg) oder in der Förderregion (wie in der Regionalliga Ostsee-Spree).
Wer in der Regionalliga ankommen will, pfeift in der höchsten Spielklasse auf Landesverbandsebene. Der Spielbetrieb oberhalb wird vom Deutschen Handballbund organisiert (die 3. Liga im Erwachsenenbereich bzw. die Jugendbundesliga in der A- und B-Jugend). Während die A-Jugend aus dem Perspektivkader des Deutschen Handballbundes gepfiffen wird (siehe Schritt 2a), wird die B-Jugend-Bundesliga von Schiedsrichter-Teams der Landesverbände besetzt. Es ist eine Möglichkeit für junge Schiedsrichter, sich auf den nächsten Schritt vorzubereiten: die Sichtung für den Perspektivkader.
Besondere Förderung: Mit dem Förderprogramm „Young Talents“ will der Deutsche Handballbund hochtalentierte Nachwuchsschiedsrichter bereits vor der Aufnahme in den Perspektivkader fördern. Sechs bis zehn junge Teams aus ganz Deutschland, die regulär in ihren Landesverbänden pfeifen, werden jede Saison unter Leitung von Marc Fasthoff und Bernd Ullrich im Rahmen dieser Initiative betreut.
Der 2. Schritt - Variante a) Der Perspektivkader …
Um in den Perspektivkader aufgenommen werden zu können, darf ein Schiedsrichter maximal 24 Jahre alt sein. Der Weg in den Perspektivkader führt über die Sichtung beim IBOT, dem Internationalen Biberacher Oster-Turnier. Die Landes- bzw. Regionalverbände melden ihre Schiedsrichter-Talente an den Deutschen Handballbund, diese werden zum IBOT eingeladen. Erfahrung in der B-Jugend-Bundesliga ist kein Muss, aber empfiehlt sich, um für die kommenden Aufgaben gewappnet zu sein.
Beim IBOT müssen sich die Anwärter vor den Augen der Coaches des Deutschen Handballbundes beweisen. Wer überzeugt, wird für den Perspektivkader nominiert. Er umfasst plus/minus 30 Gespanne (in der laufenden Saison sind es 31 Schiedsrichter-Teams) und ist der Ausbildungskader. Die talentierten Unparteiischen kommen in der Jugendbundesliga zum Einsatz und sammeln parallel weiter Erfahrung in der Regionalliga der Männer und Frauen.
In der Regel dauert die Ausbildung im Perspektivkader zwei bis vier Jahre. Wer überzeugt, wird kaderintern in die Stufe „Perspektivkader plus“ hochgestuft, wo erste Einsätze in der 3. Liga hinzukommen. Wer die Anforderungen sportlich oder vom Umfeld her nicht leisten kann, kehrt in den Landesverband zurück. Wer im Perspektivkader ausgelernt hat, steigt entweder direkt in den Entwicklungskader auf oder geht zunächst in den Anschlusskader der 3. Liga.
Der 2. Schritt - Variante b) Der Anschlusskader der 3. Liga
Der Anschlusskader bereitet auf die Aufnahme in den Standardkader der 3. Liga vor - und ist neben dem Perspektivkader der 2. Weg in den Deutschen Handballbund. Schiedsrichter-Teams, die den Schritt in den Perspektivkader nicht geschafft haben, können sich über ihre Leistungen in der Regionalliga der Männer und Frauen für einen Aufstieg in den Anschlusskader empfehlen
Die Regionalligen melden ihre aufstiegswilligen Schiedsrichter-Teams an den Deutschen Handballbund. Zunächst erfolgt eine Videosichtung, anschließend ein persönlicher Eindruck - und wenn Thore Poguntke, Leiter des Schiedsrichter-Ausschusses der 3. Liga, und sein Team überzeugt sind, erfolgt die Nominierung in den Anschlusskader.
Im Anschlusskader treffen damit mitunter Schiedsrichter-Teams nach der Förderung im Perspektivkader sowie Gespanne, die über den Landesverband/die Regionalliga aufgestiegen sind, aufeinander. Wer im Anschlusskader besteht, wechselt in den Standardkader. Im Standardkader der 3. Liga pfeifen rund 40 Gespanne.
Der 3. Schritt: Nominierung für den Entwicklungskader
Ob aufstiegswillige Gespanne im Standardkader oder die Top-Talente aus dem „Perspektivkader plus“: Der Entwicklungskader ist das Nadelöhr für den Aufstieg in den Bundesliga-Bereich. Der zur Saison 2026/27 eingeführte Kader vereint erstmals die Spitzenförderung der 3. Liga mit der Talentförderung des Perspektivkaders.
Der Entwicklungskader untersteht Drittliga-Chef Thore Poguntke. Die Schiedsrichter-Teams des Entwicklungskaders pfeifen primär in der 3. Liga und erhalten Ansetzungen in der 2. Bundesliga der Frauen sowie punktuell und je nach Leistungsstand der 2. Bundesliga der Männer. Der Entwicklungskader ist das Sprungbrett in den Bundesligakader; es gibt eine gezielte Förderung der Gespanne.
Der 4. Schritt: Der Aufstieg in den Bundesligakader
Wer im Entwicklungskader überzeugt, steigt in den Bundesligakader auf - und ist im Profibereich angekommen. Die neue Liga im Bundesligakader: die 1. Bundesliga der Frauen. Hinzu kommen regelmäßige Einsätze in den 2. Bundesligen der Männer und Frauen. Mit dem Aufstieg in den Bundesligakader wächst der Druck: Das am Saisonende letztplatzierte Schiedsrichter-Teams des Kaderrankings steigt in die 3. Liga ab - und das erstplatzierte Team in den Elite-Anschlusskader auf.
Der 5. (und vorletzte) Schritt: Der Elite-Anschlusskader
Wer aus dem Bundesligakader in den Elite-Anschlusskader aufsteigt, hat es (fast) geschafft. Es ist die letzte Stufe vor dem Elitekader; dem höchsten deutschen Schiedsrichter-Kader, dessen Angehörige den Adler des Deutschen Handballbundes auf dem Trikot tragen dürfen. Mit dem Aufstieg in den Elite-Anschlusskader geht für die jeweiligen Schiedsrichter-Teams in der Regel ein langgehegter Traum in Erfüllung.
Im Elite-Anschlusskader müssen die Aufsteiger aus dem Bundesligakader jedoch beweisen, dass sie auch in der stärksten Liga der Welt bestehen können: In der OPEL HBL, der 1. Bundesliga der Männer. Vor dem Aufstieg in den Elite-Anschlusskader pfeift niemand in der deutschen Beletage.
Es ist jedoch auch klar: Die Schiedsrichter-Teams im Elite-Anschlusskader können und dürfen sich nicht ausruhen, sondern müssen ihre Leistungsfähigkeit Woche für Woche unter Beweis stellen. Wenn es nicht reicht, folgt nach einem, zwei oder drei Jahren der Rückschritt in den Bundesligakader. Wer sich bewährt, steigt auf: In den Elitekader des Deutschen Handballbundes - und ist im Kreis der eingangs erwähnten besten Schiedsrichter*innen Deutschlands angekommen.
Text: Julia Nikoleit