Gislason, Wiegert, Beppler: Wie Schiedsrichter von Trainern lernen
Spielverständnis im Mittelpunkt: Die deutschen Spitzen-Schiedsrichter*innen setzen seit Jahren für ihre Fortbildung (auch) auf prominente Redner aus dem Trainerbereich
Es war ein ganz besonderer Referent, der in diesem Sommer auf dem Saisonvorbereitungslehrgang der deutschen Spitzen-Schiedsrichter*innen in Halberstadt zu Gast war: Bennet Wiegert, Trainer des Männer-Erstligisten SC Magdeburg, sprach vor dem Elite- und Eliteanschlusskader rund zweieinhalb Stunden zum Thema „Passives Spiel“.
Das Thema habe er sich, das betonte Wiegert in seinen Eingangsworten an die Schiedsrichter*innen, selbst ausgesucht und er sagte: „Ich habe mit meinem Co-Trainer Yves Grafenhorst über jede Folie diskutiert. Das zeigt, wie komplex diese Thematik ist.“ Er sehe es als seine Pflicht, sich einzubringen und in den Austausch zu gehen.
Sein Ziel dabei? Er wolle „die maximale Sicht eines Trainers vermitteln und zeigen, was uns Trainer bewegt“, betonte Wiegert, der mit dem SC Magdeburg die Deutsche Meisterschaft und die Champions League gewann. „Das passive Spiel bleibt immer subjektiv und das mag ich nicht. Ich werde daher hier mit Absicht provozieren, ich werde euch provozieren, ich werde das Regelwerk provozieren.“
Renommierte Gäste aus der Trainerriege
Die intensive Vorbereitung, die das Magdeburger Duo in seine Präsentation gesteckt hatte, war deutlich spürbar - und doch war es am Ende kein reiner Vortrag, den Wiegert vor dem Elite- und Eliteanschlusskader hielt. Immer wieder warf er Fragen auf und forderte die Meinung der Unparteiischen ein. Was ist das Ziel von der Regel zum passiven Spiel? Wie oft guckt ihr euch das Video an und sagt: Hier kommt das passive Spiel zu spät? Hat eine Mannschaft im Sieben gegen Sechs das Recht auf die gleiche Zeit wie ein Angriff im Sechs gegen Sechs?
In den Dialog zu kommen und die jeweils andere Perspektive besser verstehen lernen: Mit diesem Vorhaben ging Wiegert in den Vortrag. „Ich wollte genau die Diskussionen haben, die entstanden sind, und das war richtig gut“, freute er sich anschließend. „Die Jungs kennen das Regelwerk deutlich besser als ich, das Regelwerk sehe ich nicht als meine Haupt-Expertise. In den Austausch zu gehen, um zu wissen, wie wir - die jeden Tag damit arbeiten - das sehen, ist wichtig.“
Die Schulung des Spielverständnisses ist seit einigen Jahren ein Schwerpunkt in der Fortbildung der Spitzen-Schiedsrichter*innen. Entsprechend war Wiegert auch nicht der erste Gast aus der Trainerriege. Renommierte Trainer wie Alfred Gislason, Armin Emrich, Michael Roth, Henk Groener, André Haber, Jochen Beppler und Dietrich Späte sprachen bereits als Referenten zu den Unparteiischen des Deutschen Handballbundes.
Neben Wiegert war auch Dr. Patrick Luig, Bundestrainer Bildung und Wissenschaft, in diesem Sommer bei den Referees vor Ort. Er betonte die Bedeutung des Austauschs zwischen Trainern und Schiedsrichtern. „Wir arbeiten nicht gegeneinander, aber wir sitzen zu selten am selben Tisch“, sagte Luig im großen Doppel-Interview mit Robert Schulze. „Wir müssen häufiger in den Dialog gehen. In der Aus- und Fortbildung von Schiedsrichtern sollte das Thema Spielverständnis aus meiner Sicht einen höheren Stellenwert erhalten.“
„Den bestmöglichen Job für die Sportart Handball“
Das Feedback der Schiedsrichter*innen auf den Input, den es von Luig und Wiegert gab, war extrem positiv. „Der Austausch mit solch hochkarätigen Experten aus dem Trainerbereich ist für uns extrem wertvoll und alternativlos“, lobte Jutta Ehrmann, Leiterin Schiedsrichterwesen im Deutschen Handballbund. „Unsere Schiedsrichter*innen können von dem fachlichen Input nur profitieren.“
Auch Wiegert war nach seinem Vortrag hochzufrieden. „So ein Austausch ist für beide Seiten sehr wichtig, weil wir hier eine Atmosphäre abseits des Wettkampfstresses haben“, begründete er, warum er sich die Zeit für die Schulung der Unparteiischen nahm. „Wenn man im Wettkampfstress aufeinander trifft, wo es um harte Bundesligapunkte geht, kann der Austausch nie so unemotional und sachorientiert erfolgen wie hier.“
Er habe, das betonte Wiegert, großen Respekt vor der Aufgabe der Unparteiischen. „Es ist super schwierig und ich möchte nicht in ihrer Haut stecken“, erklärte er. Dass er selbst mitunter in der Kommunikation über die Grenze geht, ist ihm bewusst. „In diesem Punkt kann ich mich noch verbessern. Gleichzeitig ist es für mich ganz wichtig, authentisch zu bleiben“, sagte er. „An der Seitenlinie ist dein Einfluss auf das Spiel begrenzt – und das ist für mich nicht immer leicht.“
Ihm geht es nicht darum, auch das ist Wiegert wichtig, dass die Schiedsrichter perfekt pfeifen. „Fehler gehören dazu“, betonte er. „Die Spieler machen Fehler, ich mache Coachingfehler und die Schiedsrichter machen Fehler. Es ist nur wichtig, dass sich die Schiedsrichter ebenso wie wir immer weiterentwickeln wollen, um für die Sportart Handball den bestmöglichen Job zu machen.“
Julia Nikoleit