„Wir sitzen zu selten am gleichen Tisch“
Schiedsrichter Schulze und Sportwissenschaftler Luig im Interview rund ums Spielverständnis
Das Spielverständnis war ein großes Thema auf dem Sommerlehrgang der Schiedsrichter*innen des Deutschen Handballbundes. Olympia-Schiedsrichter Robert Schulze und Dr. Patrick Luig, Bundestrainer Bildung und Wissenschaft, hatten auch im Doppel-Interview in Halberstadt viel zu besprechen.
Patrick, du hast in diesem Sommer auf den Lehrgängen des Elite- und Bundesligakaders einen Vortrag gehalten. Was war der Kern, den du den Schiedsrichter*innen mitgeben wolltest?
Patrick Luig: Ich habe aufgezeigt, wohin sich der Handball aktuell entwickelt und mit welchen Herausforderungen die Schiedsrichter dadurch in dieser und den kommenden Spielzeiten vermehrt rechnen müssen. Der Handball hat sich in den letzten Jahren – nicht zuletzt auch durch Regelanpassungen – stark weiterentwickelt, wie wir beispielsweise am Kreisläufer- oder Tempospiel erkennen. Dadurch entstehen immer mehr Situationen unter hohem Zeitdruck, die für Schiedsrichter schwieriger als noch vor einigen Jahren – und in Zukunft vielleicht noch schwieriger – zu bewerten sind. Wir sind deshalb gemeinsam in die Diskussion gegangen, welche Möglichkeiten es gibt, das Spiel besser zu lesen, Situationen frühzeitiger zu antizipieren und dadurch aus Schiedsrichtersicht bessere Entscheidungen treffen zu können.
Robert, inwiefern hilft euch solcher Input aus Trainerperspektive?
Robert Schulze: Es bringt uns extrem weiter. Letztendlich geht es uns allen um das Produkt Handballspiel - und das funktioniert nur, wenn wir zwischen Trainern, Spielern und Schiedsrichtern eine gewisse Partnerschaft entwickeln.
Wie unterschiedlich ist die Sichtweise auf das Spielverständnis von Trainern und Schiedsrichtern?
Patrick Luig: Im besten Fall sollten sich beide Sichtweisen ergänzen. Was uns eint, ist das Spiel. Das Regelwerk zeigt uns den Rahmen, in dem wir Trainer handeln dürfen - und die Linie der Schiedsrichter, ihre Auslegung des Regelwerks, gibt uns vor, welchen Spielraum wir tatsächlich haben.
Robert Schulze: Letztendlich will jede Mannschaft taktisch gewinnen; mit allen Möglichkeiten, die es dafür gibt. Unsere Aufgabe als Schiedsrichter ist es, unser Spielverständnis entsprechend weiterzuentwickeln, um Schritt zu halten. So können wir im Spiel frühzeitiger Dinge erahnen, die taktisch passieren könnten und am Ende hoffentlich eine bessere Entscheidung treffen.
Patrick Luig: Der Spielraum, den wir durch eure Auslegung bekommen, ist jedoch nicht nur für den Wettkampf selbst wichtig, sondern auch für die Entwicklung der Spieler. Daher wäre es gut, wenn wir immer wieder gemeinsam auf diese Linie gucken und Trainer die Möglichkeit haben, zu sagen: Soweit können wir mitgehen, aber an diesem Punkt nicht. Ich finde, wir sitzen dafür zu selten am gleichen Tisch. (Robert nickt.) Problematisch wird es, wenn eine Linie entwickelt wird, ohne die Perspektiven derjenigen ausreichend einzubeziehen, die das Spiel auf dem Feld gestalten. Die Schiedsrichter müssen sich daran halten - für Trainer und Spieler fühlt sich eine solche Linie dann aber schnell wie etwas an, das nicht aus dem Spiel selbst heraus entstanden ist.
Robert Schulze: Als Schiedsrichter müssen wir in unserem Mindset die Offenheit besitzen, Tendenzen zu erkennen und gewisse Beurteilungskriterien, die für uns in der Vergangenheit gültig waren, mitunter anzupassen. Diese Anpassung kann - wie Patrick in seinem Vortrag gesagt hat - effizient erfolgen, indem wir viel in den Dialog gehen, sodass wir als Schiedsrichter die Taktik der Trainer verstehen und die Hintergründe kennen, warum manche Strategien gefahren werden. Genauso hilft es einem Trainer, wenn er unsere Blickwinkel im Spiel kennt und weiß, wie wir uns in Situationen unter externem Druck fühlen und vielleicht selbst gerade nach einer komischen Entscheidung mit uns am struggeln sind. Dialog und Offenheit sind auf den ersten Blick vielleicht ein Mehraufwand, aber der hält sich aus meiner Sicht in Grenzen, wenn wir uns den Nutzen angucken.
Was wäre denn ein Punkt, wo sich Trainer und Schiedsrichter aus eurer Sicht nicht einig sind und es den gewünschten Dialog besonders bräuchte?
Patrick Luig: „Game Management“ ist ein gern benutzter Begriff von Schiedsrichtern (lacht), bei dem wir uns aus Trainersicht aber ein Stück weit in die Quere kommen. Beim Game Management geht es darum, das aktuelle Spiel möglichst gut über die Bühne zu bekommen. Klare Entscheidungen bleiben klare Entscheidungen. In den Grauzonen des Regelwerks entsteht aus Trainersicht aber manchmal der Eindruck, dass Entscheidungen primär mit Blick auf die Balance zwischen beiden Teams getroffen werden.
Das klingt ja erst einmal sinnvoll. Warum funktioniert das aus Trainersicht nicht?
Patrick Luig: Game Management greift mir oftmals zu kurz. Wenn sich auf dem Spielfeld zwei Mannschaften mit unterschiedlichen Spielstrategien gegenüberstehen, kann es nicht nur darum gehen, beide Mannschaften glücklich zu machen. Das gelingt ohnehin selten (lacht). Es geht vielmehr darum, verlässlich und konsistent zu sein. Aus meiner Sicht braucht es deshalb eine Linie, die über das einzelne Spiel hinausgeht. Für uns Trainer ist es zentral zu wissen, was möglich ist. Denn die Linie der Schiedsrichter ist nicht nur für das jeweilige Spiel relevant. Sie beeinflusst, welche taktischen Mittel wir einsetzen können und langfristig auch, wie wir unsere Spieler ausbilden. Wir bilden Spieler schließlich in den legalen Mitteln aus, die ihnen zur Verfügung stehen. Wir berücksichtigen zum Beispiel, was ein Kreisläufer in der Sperre machen darf, und schulen unsere Spieler entsprechend. Deshalb tragen Schiedsrichter aus meiner Sicht auch Verantwortung über das einzelne Spiel hinaus: Ihre Linie hat Einfluss darauf, wie Handball gespielt wird – und damit letztlich auch darauf, wie sich unser Spiel weiterentwickelt.
Und das kommt dir aktuell zu kurz?
Patrick Luig: Bitte nicht falsch verstehen: Wir arbeiten nicht gegeneinander, aber wir sitzen - ich wiederhole mich - zu selten am selben Tisch. Ich bin da bei Robert: Wir müssen häufiger in den Dialog gehen. In der Aus- und Fortbildung von Schiedsrichtern sollte das Thema Spielverständnis aus meiner Sicht einen höheren Stellenwert erhalten. Der Fokus liegt mir teilweise zu stark auf der Regeltechnik. Die Jungs und Mädels werden manchmal mit Regelszenarien konfrontiert, die vielleicht einmal in ihrer Karriere vorkommen. Natürlich müssen auch diese Situationen korrekt gelöst werden. Mir wäre es aber lieber, wir würden noch häufiger über Situationen sprechen, die fünfzigmal in jedem Spiel vorkommen, und schauen, dass wir dort zu einem gemeinsamen Verständnis kommen. Denn Regelkenntnis bleibt die Grundlage – aber nur das Regelwerk im Blick zu haben, wird in Zukunft nicht mehr ausreichen.
Robert, korrigiere bitte, wenn es falsch ist, aber Taktik oder Spielverständnis ist kein verpflichtender Teil der Schiedsrichter-Ausbildung, oder?
Robert Schulze: Die Grundlage ist weiterhin der klassische Regeltest, wo die genannten Szenarien abgefragt werden. Ich merke aber auch: Wenn wir uns in der „Schiedsrichter-Mannschaft“ austauschen, geht es nicht um Regelszenarien. Die jungen Schiedsrichter versuchen, von den erfahrenen Schiedsrichtern herauszukriegen, wie wir eine klare Kommunikation auf dem Feld schaffen und wie wir es hinkriegen, dass ein souveränes Spielverständnis zu einer Berechenbarkeit führt.
Aber, Stichwort Berechenbarkeit, es geht eben nicht nur um die Berechenbarkeit in einem Spiel...
Patrick Luig: … sondern über das eine Spiel hinaus, genau. Profisportler sind zwar in der Lage, sich relativ schnell anzupassen, was in einem Spiel erlaubt ist, aber es wäre wünschenswert, wenn es ein bisschen verlässlicher wäre. Allein der Wechsel zwischen nationaler und internationaler Auslegung kann für eine Mannschaft manchmal herausfordernd sein. Das sollte es aber nicht sein, weil wir im gleichen Rahmen unterwegs sind. Ich möchte allerdings auch betonen, dass ich den Graben zwischen Trainern und Schiedsrichtern nicht so groß sehe, wie er oft kommuniziert wird (Robert nickt).
Sondern?
Robert Schulze: Wir reden beide von Kommunikation, von Dialog. Das ist für uns entscheidend. Wir bekommen das Spielverständnis nur, wenn wir uns mit denjenigen austauschen, die das sieben Tage die Woche machen. Ich sehe ebenso wie Patrick keinen Graben, denn wir sitzen ja alle zusammen - auch mit den Spielern - in einem Boot: Wir wollen das Spiel attraktiv machen für die Außenwelt und das geht nur im Dialog und gegenseitigen Partizipation. Ich freue mich daher, wenn ich von einem Trainer einen Taktiktrick erfahre; auch ohne, dass er gleich seinen Werkzeugkoffer ganz auspackt. Es helfen schon grobe Bausteine, um auf dem Spielfeld besser vorbereitet zu sein.
Patrick Luig: Der große Unterschied zwischen Trainern und Schiedsrichtern ist eigentlich ganz einfach: Unser Job hängt – zumindest im professionellen Kontext – davon ab, ob wir mit unseren Teams Spiele gewinnen. Darauf bereiten wir uns und unsere Spieler sieben Tage und Nächte vor – Woche für Woche. Damit ist ein hoher emotionaler Druck verbunden, der sich mitunter auch in unserer Kommunikation bemerkbar macht. Schiedsrichter müssen, ähnlich wie Spieler, unter unglaublichem Zeitdruck Entscheidungen treffen. Sie werden aber nicht die ganze Woche gezielt auf genau dieses eine Spiel und die taktischen Details beider Mannschaften vorbereitet. Dadurch haben sie zwangsläufig einen anderen Blick auf das Spiel und können auch in ihrer Kommunikation anders agieren als wir Trainer.
Inwiefern hat sich die Bedeutung des Spielverständnisses für Schiedsrichter in den vergangenen Jahren entwickelt?
Patrick Luig: Die Attraktivität des Handballs ist nicht zuletzt mit seiner deutlich gestiegenen Dynamik verbunden. Damit sind auch der Zeitdruck und die Dichte der Entscheidungen für die Schiedsrichter gewachsen. Zeitdruck und Präzision - also möglichst oft die richtige Entscheidung zu treffen - konkurrieren aber immer miteinander. Wenn wir ein langsameres Spiel hätten, wären viele Situationen einfacher zu beurteilen. Genau hier liegt für mich die Bedeutung von Spielverständnis und Antizipation. Wenn ich als Schiedsrichter das Spiel verstehe, kann ich nicht nur regeltechnisch beurteilen, was gerade auf dem Feld passiert. Ich kann quasi ein oder zwei Sekunden in die Zukunft blicken, antizipieren, was mit großer Wahrscheinlichkeit als Nächstes passieren wird, und meine Aufmerksamkeit frühzeitig auf die entscheidenden Handlungen richten.
Magst du das ausführen?
Patrick Luig: Wenn ich zum Beispiel einen taktischen Ablauf erkenne und weiß, dass in wenigen Sekunden an einer bestimmten Stelle eine Sperre gestellt wird, kann ich meine Aufmerksamkeit schon jetzt auf den Weg des Kreisspielers in diese Sperre richten. Ich gewinne damit Zeit für die Beurteilung der entscheidenden Handlungen. Schaue ich dagegen erst auf die Abschlusssituation, wenn die Sperre bereits steht, muss ich unter deutlich höherem Zeitdruck beurteilen, ob sie regelkonform zustande gekommen ist. Genau deshalb wird Spielverständnis für Schiedsrichter immer wichtiger: Es hilft ihnen zu antizipieren, ihre Aufmerksamkeit frühzeitig auf die relevanten Handlungen zu lenken und damit auch unter hohem Zeitdruck präzise Entscheidungen zu treffen.
Robert Schulze: An dieser Stelle würde ich gerne anknüpfen: Genau das ist für uns Schiedsrichter der Schlüssel, um beispielsweise durch das Stellungsspiel eine bessere Perspektive zu schaffen. Wenn ich weiß, wir müssen einen Schritt nach vorne machen oder uns weiter nach rechts drehen, um gut zu sehen, was gleich passiert, können wir die Situation besser bewerten. Diese Dinge zu wissen, macht aus unserer Erfahrung tatsächlich einen großen Unterschied. Vor dem WM-Halbfinale zwischen Frankreich und Kroatien haben wir anderthalb Stunden aus Trainersicht eine Aufbereitung bekommen, was uns erwartet. Wir hatten dadurch mehr Optionen im Koffer und haben uns vorbereiteter gefühlt.
Das Problem: Im stressigen Ligaalltag bleibt nicht genug Zeit für diesen Austausch…
Patrick Luig: Das ist sicherlich ein Punkt. Wir Trainer beschäftigen uns Woche für Woche intensiv mit der taktischen Entwicklung des Spiels. Diese Zeit und diese Möglichkeiten haben Schiedsrichter in diesem Umfang nicht. Umso wichtiger finde ich es, zusätzliche Gelegenheiten für den Austausch zwischen Trainern und Schiedsrichtern zu schaffen. Auch die Vereine könnten dabei eine Rolle spielen. Ein Besuch im Training bietet beispielsweise die Möglichkeit, mit Trainern über taktische Strategien und typische Spielsituationen ins Gespräch zu kommen. Einen spannenden Ansatz verfolgt auch die IHF, indem sie ihre Schiedsrichter bei großen Turnieren gezielt aus Trainerperspektive auf die anstehenden Spiele vorbereitet. Ich kann mir gut vorstellen, Elemente davon auch auf den Bundesliga-Kontext zu übertragen. Das würde Schiedsrichtern die Möglichkeit geben, sich gezielter auf das Spiel vorzubereiten, das sie erwartet, und taktische Ausrichtungen besser zu antizipieren. Und selbst wenn ein solcher Austausch nur fünf-, sechs- oder siebenmal in einer Saison stattfindet, würden Trainer und Schiedsrichter deutlich häufiger gemeinsam über das Spiel sprechen als bisher – und das fördert Spielverständnis.
Wenn es in der Bundesliga um die Weiterentwicklung geht, waren das in den letzten Jahren vor allem technische Unterstützungen wie Videobeweis oder Torlinientechnik. Wäre so eine gezielte taktische Vorbereitung vorstellbar, Robert?
Robert Schulze: Ich sehe erst einmal keine Punkte, die dagegen sprechen würden. Die neutrale Vorbereitung müssten natürlich Trainer übernehmen, die das Spiel auf diesem Niveau verstehen, aber nicht selbst beteiligt sind. Bei der IHF sind das Trainer wie Dietrich Späte, Jochen Beppler, Jorge Dueñas aus Spanien oder Paul Landure aus Frankreich. Ich habe es aber auch schon gesagt: Aus meiner Sicht hilft alles, wo es in den Austausch geht. Das kann auch mal ein Besuch im Vereinstraining sein. Wir haben ja auch schon in den Vereinen neue Regeln vorgestellt und da wurde nebenbei auch über Taktik gesprochen. Ich habe dabei für mich festgestellt, dass ich immer neue Dinge mitnehmen konnte.
Patrick Luig: Es ist sicherlich schwierig, im Tagesgeschäft das Abschlusstraining eines Bundesligisten zu begleiten und das Abschlussspiel zu leiten. Das wäre theoretisch zwar wünschenswert, aber ich halte das in der Bundesliga-Realität für unwahrscheinlich. Daher wäre es sinnvoll, einen festen Kreis von Trainern zu etablieren, der die Ausbildung und Entwicklung der Schiedsrichter regelmäßig unterstützt. Das müsste auch schon viel früher starten als bei den Bundesliga-Refs. Wir müssen an die Nachwuchsschiedsrichter heran, dass die schon mit einem Plus an Spielverständnis in die nächsthöhere Liga gehen. Ich sagte es bereits: Das Spiel kommt in der Ausbildung der Schiedsrichter aus meiner Sicht viel zu wenig zur Geltung.
Robert, stimmt das aus deiner Sicht? Wann hat es bei euch angefangen, dass Spielverständnis ein Thema wurde?
Robert Schulze: Wir hatten in Magdeburg immer Glück, dass wir einen Zugang zu den erfahrenen Schiedsrichtern vor uns hatten. Das hat uns ganz, ganz viel gebracht. Und natürlich hat uns sehr viel gebracht, dass wir selbst gespielt haben (Patrick nickt). Bei den großen Meisterschaften gab es dann die ersten Präsentationen aus Trainerperspektive, zu Spielsystemen und den Schlüsselspielern, die wichtig sind, um Situationen zu lösen. Das ist ein cooler Ansatz. Wenn wir einen neutralen Trainerkreis hätten, der Support gibt, bringt das uns Schiedsrichter weiter.
Patrick, du hast genickt, als es um eigene Spielen ging…
Patrick Luig: Wir beobachten, dass oft sehr früh die Entscheidung zwischen Spielen oder Pfeifen fallen muss. Ich glaube, dass für Schiedsrichter eine gewisse Spielerfahrung - selbst auf breitensportlicher Ebene - hilfreich wäre. So hat ein Schiedsrichter nicht nur von Außen auf das Spiel geguckt, sondern gewisse Situationen persönlich erlebt. Das hilft ebenso für ein besseres Spielverständnis, wie mit Trainern über das Spiel zu sprechen.
Patrick, in deinem Vortrag hast du gesagt: „Wir entscheiden, wie die Sportart weiterentwickelt wird.“ Das Wir waren in dem Fall Trainer und Schiedsrichter. Was wäre euer Wunsch für die Weiterentwicklung im Handball?
Patrick Luig: Ich persönlich finde die Entwicklung, die unsere Sportart genommen hat, sehr attraktiv. Mein Wunsch wäre, Entscheidungen dort, wo es möglich ist, noch stärker zu objektivieren. Gleichzeitig bin ich Realist: Gerade bei Themen wie dem passiven Spiel wird das immer schwierig bleiben. Dafür ist unser Spiel zu komplex. Es gibt keine Patentrezepte, und auch vermeintlich einfache Lösungen wie die immer wieder diskutierte „Shot Clock“ bringen nicht nur Vorteile mit.
Robert Schulze: Für mich ist es wichtig, dass wir trotz der gebotenen Neutralität eine Nähe zu den Spielern und Trainern aufbauen. Das ist ein Schlüssel für die Art, wie wir auf dem Spielfeld miteinander umgehen wollen. Das wir nicht immer einer Meinung sein können, ist normal; jeder hat verschiedene Perspektiven, aber die Nähe ist wichtig, um vertrauensvoll in den Dialog gehen zu können und uns mit dem Spiel weiterzuentwickeln.
Patrick Luig: Ein gemeinsamer Wunsch ist sicherlich, noch häufiger miteinander ins Gespräch zu kommen - gerade wenn es um die Weiterentwicklung unserer Sportart geht. In den entsprechenden Gremien werden viele wichtige Themen diskutiert und Entscheidungen vorbereitet. Gleichzeitig sollten wir die Perspektiven derjenigen, die unmittelbar auf dem Spielfeld stehen, noch stärker und frühzeitiger in diese Prozesse einbeziehen. Trainer, Schiedsrichter und natürlich auch Spieler erleben sehr direkt, welche Auswirkungen Regeländerungen oder neue Auslegungen auf das Spiel haben. Dieses Wissen sollten wir nutzen. Es geht aus meiner Sicht nicht nur darum, Entwicklungen anschließend zu kommunizieren, sondern die verschiedenen Perspektiven bereits bei ihrer Entstehung zusammenzubringen. Das würde uns helfen, das Spiel gemeinsam weiterzuentwickeln.
Interview: Julia Nikoleit