Farrelle Njinkeu: „Wir wollen unser eigenes Ding machen“
Kurz vor ihrer ersten U20-Weltmeisterschaft spricht die frisch gebackene Deutsche Meisterin und Elitekader-Spielerin über ihre Ziele mit der DHB-Auswahl.
Als die deutsche U20-Nationalmannschaft in der letzten Woche wieder zusammenkam, war die Freude groß. Für Rechtsaußen Farrelle Njinkeu beginnt damit ein ganz besonderes Kapitel: Nach einem außergewöhnlichen Vereinsjahr steht die erste Weltmeisterschaft ihrer Karriere bevor. Im Gespräch erzählt die Berlinerin, warum sie sich schnell in Teams einfindet und weshalb sie im vergangenen Jahr so erfolgreich war.
Farrelle, ihr habt euch als Mannschaft einige Monate nicht gesehen. Wie war das Wiedersehen?
Farrelle Njinkeu: Es war schön. Den Großteil der Mannschaft hatte ich lange nicht mehr gesehen, weil bei den vergangenen Maßnahmen teilweise andere Spielerinnen dabei waren. Deshalb habe ich mich sehr gefreut.
Braucht ihr lange, um euch wieder einzuspielen?
Farrelle Njinkeu: Eigentlich nicht. Klar, ein oder zwei Trainingseinheiten braucht man immer, um wieder zueinanderzufinden. Aber bei uns geht das relativ schnell, weil wir viel miteinander kommunizieren. Das zeichnet die Mannschaft aus.
Was noch?
Farrelle Njinkeu: Unsere Variabilität. Auf jeder Position haben wir unterschiedliche Spielertypen. Dadurch sind wir schwer auszurechnen und können uns auf verschiedene Situationen einstellen.
Du bist die einzige Spielerin aus deinem Verein im Kader. Macht das einen Unterschied und welche Rolle nimmst du im Team ein?
Farrelle Njinkeu: Für mich nicht. Ich bin ein offener Mensch und komme mit allen gut klar. Es fühlt sich nie so an, als würde ich neu dazukommen. Marleen – unsere Kapitänin – hat mal gesagt, ich sei eine Person mit Charakter. Ich würde sagen, ich bin jemand, mit dem man lachen, aber auch ernste Gespräche führen kann. Und ich rede gerne über Handball. Wenn wir am nächsten Tag noch einmal über eine Situation aus dem Training sprechen, stört mich das überhaupt nicht. Schließlich wollen wir alle besser werden.
Du warst beim EM-Titel im vergangenen Jahr noch nicht Teil des Teams. Jetzt steht deine erste Weltmeisterschaft an. Wie groß ist die Vorfreude?
Farrelle Njinkeu: Riesig. Es ist meine erste WM und allein deshalb etwas ganz Besonderes. Ich freue mich total darauf. China ist natürlich auch etwas Neues für mich. Ich war noch nie da und habe Respekt davor, aber ich glaube, dass wir das gut meistern werden.
Was erwartest du von den Bedingungen vor Ort?
Farrelle Njinkeu: Vor allem das Essen, das Klima und der Jetlag werden ungewohnt sein. Regeneration wird also ein wichtiges Thema. Das sind Faktoren, die eine Rolle spielen können. Darauf müssen wir alle gut achten.
Spürt ihr zusätzlichen Druck, weil ihr zu den Favoritinnen zählt?
Farrelle Njinkeu: Persönlich habe ich davon noch nicht viel mitbekommen. Aber wenn Erwartungen da sind, dann hat sich dieses Team die auch erarbeitet. Wichtig ist, dass wir uns davon nicht beeinflussen lassen und unser eigenes Ding machen.
Bist du auf dem Feld dieselbe Person wie außerhalb der Halle?
Farrelle Njinkeu: Im Grunde schon, vielleicht sogar etwas extremer. Auf dem Feld zeige ich viele Emotionen, rede viel und schreie auch mal. Privat bringe ich die Leute eher zum Lachen.
Gibt es innerhalb der Mannschaft Rituale?
Farrelle Njinkeu: Ja, tatsächlich. Bevor wir einlaufen, singen wir unsere eigene Hymne. Die wurde, soweit ich weiß, vor der Europameisterschaft selbst geschrieben. Das gehört mittlerweile einfach dazu.
Du hast in der letzten Saison die Deutsche Meisterschaft gewonnen, bist „Rookie of the Season“ der Handball Bundesliga Frauen und Teil des DHB-Elitekaders geworden. Hättest du vor der Saison damit gerechnet?
Farrelle Njinkeu: Überhaupt nicht. Ich habe einfach versucht, immer mein Bestes zu geben – vor allem mental. Von vielen hört man, dass auf höherem Niveau die mentale Stärke immer wichtiger wird. Deshalb habe ich bewusst daran gearbeitet, positiver zu denken und mich nicht von negativen Dingen beeinflussen zu lassen. Früher habe ich mich stärker unter Druck gesetzt, mittlerweile habe ich gelernt, damit besser umzugehen. Dass die Saison so verlaufen würde, hätte ich mir niemals erträumen können. Den ersten Titel der Vereinsgeschichte mitzuerleben, war etwas ganz Besonderes.
Beschäftigen dich Misserfolge lange oder kannst du schnell abschalten?
Farrelle Njinkeu: Ich kann sie recht schnell abhaken. Wenn etwas passiert ist, suche ich direkt das Gespräch oder beschäftige mich selbst damit, damit ich Antworten bekomme. Danach richte ich den Blick wieder nach vorne. Auch jetzt konzentriere ich mich voll auf die Aufgaben, die vor uns liegen.
Wer bist du abseits des Handballs?
Farrelle Njinkeu: Ich esse gerne, treffe mich mit Freunden und probiere neue Dinge aus. Go-Kart fahren zum Beispiel. Außerdem bin ich ein absoluter Familienmensch.
Deine Familie lebt noch in Berlin?
Farrelle Njinkeu: Ja. Von Blomberg aus sind das ungefähr dreieinhalb bis vier Stunden mit dem Auto. Deshalb freue ich mich immer, wenn ich nach Hause fahren kann.
Welche Ziele hast du für die Zukunft?
Farrelle Njinkeu: Ich möchte dauerhaft im Frauenbereich Fuß fassen, Champions League spielen – wobei sich dieser Traum bald erfüllt – und dort erfolgreich sein. Und natürlich möchte ich mit dieser Mannschaft U20-Weltmeisterin werden.
Was würdest du jungen Handballerinnen mit auf den Weg geben, die vom Nationaltrikot träumen?
Farrelle Njinkeu: Hört nicht auf die Menschen, die euch runterziehen wollen. Arbeitet hart, gebt nicht auf und macht immer weiter.
Zum Abschluss: Was soll nach der Weltmeisterschaft über euch gesagt werden?
Farrelle Njinkeu: Dass wir ein starker Jahrgang sind und herausgestochen haben. Und hoffentlich, dass wir eine Serie gebrochen haben. Man sagt ja oft, dass eine Mannschaft nach einem EM-Titel nicht auch noch Weltmeister wird. Genau das wollen wir ändern.