Mit neuen Formaten neue Fans erreichen
Was bringt die WM 2027, was bringt die Zusammenarbeit mit ProSiebenSat.1? – Handball-Talk in München
Im März brach eine neue Fernsehära für die DHB-Nationalmannschaften an: Die Sendergruppe ProSiebenSat.1 sicherte sich die Medienrechte für die Weltmeisterschaften 2027 bis 2031 sowie die Übertragungsrechte für die DHB-Länderspiele. Nach den ersten Übertragungen steht nun die Männer-WM 2027 als erster großer Höhepunkt an. Zeit also, eine erste Zwischenbilanz zu ziehen und auf die WM vorauszublicken. Moderiert von Christoph Körfer, Sprecher von ProSiebenSat.1 diskutierten in München Bundestrainer Alfred Gislason, Mark Schober (DHB-Vorstandsvorsitzender) sowie Vertreter von ProSiebenSat.1 und SPORTFIVE beim Handball-Talk. Das gemeinsame Ziel: den Handball mit neuen Formaten voranbringen und neue Zielgruppen erschließen.
„Wir richten eine WM aus, weil wir neue Fangruppen erreichen wollen sowie Mädchen und Jungs begeistern, damit sie später Handball spielen. Eine Heim-WM ist der Leuchtturm, um solche Aufmerksamkeit erzeugen, denn Heimturniere gepaart mit sportlichem Erfolg machen es einfacher, Fans zu erreichen und Mitfliederzahlen zu erhöhen. Diese Erfahrung machen wir seit 20 Jahren. Erfolge und Heimturniere bringen neue Kinder in die Vereine, aber: aktuell gibt es zu wenige Hallen und zu wenige Trainer“, sagte Mark Schober.
Vor der Auslosung, die Deutschland die Teams aus Tunesien, Uruguay und Serbien als Vorrundengegner bescherte, sagte Alfred Gislason: „Ich freue mich, dass es endlich so weit ist, somit kann ich mir jetzt Arbeit in den Sommer mitnehmen.“ Der Isländer warnte aber auch: „Leichte Gegner sind am Ende die schwersten, deswegen ist mir die Auslosung egal. Du musst jeden schlagen, wenn du weit kommen willst, und wir wachsen an den Aufgaben.“
Immer dann, wenn ein großes Turnier in Deutschland ansteht, steigt bei Gislason die Vorfreude. Die WM 2007 war sein erstes Turnier als isländischer Nationaltrainer – und schon damals war er begeistert: „Es gab immer volle Hallen, auch wenn Deutschland nicht spielte, eine positive Atmosphäre. Meine besten Turniere waren immer in Deutschland – was Atmosphäre, Drumherum, Organisation betrifft, nirgendwo wird es so gut gemacht wie hier.“
Die nächsten Länderspiele stehen erst mit der EM-Qualifikation Anfang November gegen Belgien (in Berlin – Tickets via dhb.de/tickets) und in der Slowakei statt. Mit Blick auf die WM geht es Gislason um Taktik, aber auch den Kopf: „Je besser die Spielzüge funktionieren, desto besser ist die mentale Verfassung der Mannschaft. Wir haben eine relativ junge Mannschaft, die aber schon lange zusammenspielt. Wir haben nur wenig Zeit, trotzdem wollen wir uns blind verstehen. Die Mannschaft muss noch mehr ans sich glauben und verstehen, wie gut sie eigentlich sein kann, und ihre mentale Stärke besser zeigen“, sagte Gislason.
Und der warnt auch vor der hohen Erwartungshaltung: „Alle glauben, dass wir automatisch ins Finale gegen Dänemark einziehen. Dabei müssen wir es erstmal ins Halbfinale schaffen, das ist unser erstes Ziel. Aber der Weg ins Halbfinale kann schnell enden, wenn man nicht aufpasst. Es gibt viele Teams, die sich gut entwickelt haben. Vor fünf Jahren waren wir auf Rang sieben, jetzt sind wir auf Rang zwei oder drei. Und es wäre schön, 2027 wieder auf Dänemark zu treffen. Das wir dann irgendwann einmal Dänemark schlagen, ist Teil meines Jobs, Ich habe viel wertvolles Material aus den beiden Testspiel-Niederlagen im Mai gezogen.“
Gerade hat Gislason seinen Vertrag bis nach den Olympischen Spielen 2028 verlängert – mit gutem Grund: „Ich freue mich weiter mit der Mannschaft zu arbeiten. Ich denke, die besten Jahre kommen noch bei diesem Team, was die Altersstruktur betrifft. Wir wollen immer ins Halbfinale kommen, alles andere muss man sehen.“ Trotz der Erwartungshaltung macht dem Bundestrainer der Job immer noch Spaß: „Ich arbeite seit 30 Jahre in einem Umfeld mit viel Druck und Erwartungshaltung. Ohne Druck würde ich aufhören.“
Die WM 2027 zeigt laut Schober bereits im Vorfeld das große Faninteresse: „60 Prozent der Tickets sind bisher verkauft, das ist für den frühen Zeitpunkt ein sehr gutes Ergebnis. Das Finalwochenende ist ausverkauft, für die deutsche Route wird es vielleicht noch ein paar Karten geben. Wir sind überrannt worden, das war so nicht zu erwarten“, sagte der DHB-Vorstandsvorsitzende. Nach der Auslosung haben nun die Gastmannschaften die Chance, Tickets zu erwerben. Am 1. September gehen die restlichen Tickets in den Verkauf. Nach einer fast ausverkauften EM 2024 hofft Schober auf ähnliche Zahlen im Januar: „Wir geben richtig Gas, wir wollen Aufmerksamkeit erreichen.“
Schließlich sei der Ticketverlauf die einzige Einnahmequelle für den WM-Gastgeber, die Werbe- und TV-Rechte liegen bei der IHF: „Das ist ein hohes Risiko für Veranstalter, wir hoffen auf Gewinn im niedrigen Millionenbereich, wenn wir 90-95 Prozent der Hallen vollmachen“, sagt Schober, der den Gesamtumsatz der WM mit 35 bis 38 Millionen Euro angibt.
Auch bei Henrik Pabst, Chief Content Officer von ProSiebenSat.1, ist die Vorfreude auf die WM 2027 spürbar, aber auch die langfristige Kooperation mit DHB und WM-Turnieren sei etwas Besonderes: „Das ist ein langer Wurf, neben den Weltmeisterschaften übertragen wir rund 60 Länderspiele. Wir haben Erfahrung, wie man Sportarten nach oben ziehen kann, auch durch eine sinnvolle Integration in unseren Entertainment-Kosmos – mit Spielshow oder Dokumentationen auf allen unseren Kanälen. Handball wird ein weiteres Wachstum erleben, für unsere Partner ist Handball crossmedial interessant, auf Joyn oder in Social Media. Wir haben eine gesunde Nachfrage bei Handball, und die WM wird eine Riesensache.“
Mit Blick auf die Ideen von ProSiebenSat.1 sieht auch DHB-Vorstandschef Schober viele Möglichkeiten, um den Handball voranzubringen: „Mit längeren Vor- und Nachläufe bei den Übertragungen und den neuen Formaten können wir Spielermarken und Klubmarken stärker entwickeln. Mit Blick auf die Reichweite und die Kommunikationskanäle des DHB, der Klubs und der Spieler können wir noch besser werden. Klubs sollen ein neues Publikum erreichen und Fans an die Sportart binden.“ Mit Blick auf die TV-Präsenz spricht Schober von einem „rundem Paket mit ARD/ZDF, Pro7 und Dyn, das ist echt stark.“
Ein entscheidendes Kriterium zur Bindung von jüngeren Zielgruppen ist für Pabst das DHB-Team, mit vielen jungen Spielern: „Diese Mannschaft hat so viel Potenzial, um Fangemeinschaften im jüngeren Segment aufzubauen. Wir können Geschichten erzählen und vertreiben. Zudem ist Handball vom Anwurf an spannend“, sagte Pabst, der davon ausgeht, dass „Handballfans sender-unabhängig die Turniere und Länderspiele verfolgen. Die Zuschauer gehen dahin, wo das Event ist. Unsere Hoffnung ist, junge Fans einsammeln, aber auch ältere Fans von den Öffentlich-Rechtlichen mitzunehmen. Für die Handball-WM 2027 gehen wir von einem großem Quotenerfolg aus.“
Auch Bundestrainer Gislason findet die neuen Ideen von Pro7 sehr interessant: „Das Team steht den Sachen positiv gegenüber, ist bereit, viele Sache mitzumachen, aber nicht zu übertreiben. Die Mannschaft kann extrem sympathisch rüberkommen. Vor zehn Jahren waren viele Dinge tabu, heute ist das Normalität und wichtig in der heutigen Medienwelt, auch wenn der Trainer manchmal genervt ist. Die letzte Teambesprechung eine Stunde vor dem Spiel ist aber immer noch tabu, sonst ist alles sehr locker bei uns.“
Christian Hesselbach, Executive Director Rightsholder Management SPORTFIVE, erläuterte, wie es zum Wechsel der TV-Rechte für die Jahre 2027 bis 2031 kam: „Pro7 hatte das beste Konzept und das wirtschaftlich beste Angebot. Das Spiel dauert nicht nur 60 Minuten, sondern es geht auch um Entertainment, das Pro7 mitbringt. Unsere Vermarktungspartner wollen jüngere und aktivere Zielgruppen.“ Dabei seien der Handball und auch der DHB interessant für große Marken, betont Hesselbach: „Handball ist attraktiv, Handball funktioniert bei jungen Leuten.“ Was die Männer-WM 2027 betrifft, seien 75 Prozent aller Sponsorenplätze vermarktet: „Für die Vermarktung gibt keinen besseren Ort als Deutschland. Die Öffentlichkeit wird das Turnier pushen. Weil es keine Tickets für deutsche Spiele mehr gibt, werden die Fans die Spiele im Fernsehen oder digital verfolgen.“
(BP)