Deutsch-deutsche Sternstunde in Linz
Wie der 3. Juli 1966 zu einem Tag für die Handball-Ewigkeit wurde
Die einen sind seit 60 Jahren Weltmeister, die anderen seit 60 Jahren Vizeweltmeister: Die Teams des Deutschen Handballbundes (DHB) der Bundesrepublik und des Deutschen Handballverbandes (DHV) der DDR waren die besten beiden Mannschaften bei der VII. und letzten Feldhandball-Weltmeisterschaft vom 25. Juni bis 3. Juli 1966 in Österreich. Die Spieler hüben wie drüben dürfen sich jetzt seit genau 60 Jahren „ewige Weltmeister“ bzw. „ewige Vizeweltmeister“ nennen in einer Sportart, die es so nicht mehr gibt – kurze Rückblende:
Insgesamt nur noch sechs Nationen hatten zu den letzten Titelkämpfen in dieser Variante des Handballspiels draußen auf der Größe eines Fußballfeldes mit „Elf gegen Elf“ gemeldet: Sowohl die DHB- als auch die DDR-Auswahl gewannen ihre Spiele gegen Österreich, Polen, die Schweiz und Holland. Bis dahin hatte die Mannschaft von DHB-Bundestrainer Werner Vick (1920-2000) das klar bessere Torverhältnis (104:53 zu 90:49) gegenüber dem Team von DHV-Trainer Heinz Seiler (1920-2002). Im abschließenden direkten Aufeinandertreffen in Linz würde der DHB-Auswahl ein Remis reichen … und es kam, wie es kommen musste: Die letzte WM-Partie aller Zeiten vor 10.000 Zuschauern zwischen dem DHB und dem DHV endete 15:15-Unentschieden (Halbzeit 10:8) … und beide Teams blieben unbesiegbar!
Klaus Langhoff (heute 87), zusammen mit Paul Tiedemann (1935-2014) verlängerter Arm von DHV-Trainer Heinz Seiler und später selbst mit Tiedemann DDR-Nationaltrainer, erinnert sich noch sehr genau an die dramatische Schlussphase des entscheidenden Spiels: „Heinz Seiler hatte mir zugerufen, dass noch neun Minuten zu spielen seien. Zu diesem Zeitpunkt führten wir 14:11. Eigentlich war die Partie für uns gelaufen. Wir mussten nur ruhig und sicher weiterspielen. Aber dann passiere uns nach dem 14:12 beim Anwurf ein völlig unnötiger Fehlpass, der im Gegenzug zum 14:13 führte. Das DHB-Team war plötzlich im Aufwind.“
Die DHB-Auswahl drehte das Spiel und ging durch Mannschaftskapitän Erwin Porzner (90) sogar 15:14 in Führung, bevor Klaus Müller für den DHV mit dem 15:15 das letzte Tor in der Geschichte der Feldhandball-Weltmeisterschaften warf … und Erwin Porzner den Steinbock als WM-Pokal der Internationalen Handball Föderation (IHF) bei der Siegerehrung für immer mit nach Dortmund nehmen konnte. Der hat seitdem einen Ehrenplatz in der DHB-Geschäftsstelle: „Nach dem Finale gab es tolles Bankett mit allen Mannschaften. Wir noch hatten immer ein gutes Verhältnis zu den Spielern der DDR-Mannschaft, sofern es uns gelang, mit ihnen außerhalb des Spiels persönlich in Kontakt zu treten“, findet Erwin Porzner viele verbindende sportkameradschaftliche Worte für alle, die damals dabei waren.“
Insgesamt gab es sieben Weltmeisterschaften der IHF im Feldhandball der Männer zwischen 1938 und 1966: Im Jahre 1948 ging der Titel nach Schweden. Ein deutsches Team war da noch nicht dabei; weder der DHB noch der DHV waren zu diesem Zeitpunkt schon gegründet. Später siegte einmal das Team der DDR (1963), ansonsten immer der DHB. Bei den Frauen gab es drei Weltmeisterschaften im Feldhandball. Die beste Platzierung einer deutschen Mannschaft war hier der zweite Platz nach der knappen 5:6-Niederlage im Finale gegen Rumänien vor bald 70 Jahren am 8. Juli 1956 mit einer gesamtdeutschen Mannschaft vor 18.000 Zuschauern in Frankfurt.
Prof. Dr. Detlef Kuhlmann