Beachhandball und Olympia: Ein langer Weg bis nach Dakar
Eine lange Reise über mehrere Jahrzehnte
Was vor mehr als zehn Jahren mit ersten Sichtungsmaßnahmen und einer gehörigen Portion Pioniergeist begann, mündet im November in einem ganz besonderen Kapitel der deutschen Beachhandball-Geschichte. Wenn die männliche Junioren-Nationalmannschaft bei den Jugendolympischen Spielen in Dakar antritt, erfüllt sich für DHB-Trainer Konrad Bansa und sein Team ein Traum, für den viele Generationen gearbeitet haben.
Es ist eine Reise, die für einige der Beteiligten bereits im Frühjahr 2023 begonnen hat. Damals, als die ersten Sichtungsmaßnahmen für den Jahrgang 2008/09 stattfanden, war Dakar noch weit entfernt. Zehn Maßnahmen in ganz Deutschland, ein erster Kaderlehrgang in Kienbaum und anschließend zahlreiche gemeinsame Trainingseinheiten bildeten den Auftakt eines Weges, der die jungen Beachhandballer innerhalb eines Jahres bis zur U16-Europameisterschaft 2024 führen sollte. Heute, mehr als drei Jahre später, steht für einen Teil dieser Mannschaft das größte Abenteuer ihrer bisherigen sportlichen Laufbahn bevor: die Teilnahme an den Jugendolympischen Spielen.
Doch der Weg dorthin war alles andere als ein Selbstläufer. Bereits die Qualifikation für die Weltmeisterschaft verlangte den deutschen Nachwuchshandballern einiges ab. Bei der Europameisterschaft musste mindestens Platz drei her, bei der anschließenden WM wiederum eine Platzierung unter den besten zwei Teams, um überhaupt für die Olympischen Spiele infrage zu kommen. „Das ist eine harte Zeit, die die Jungs mitmachen“, sagt Bansa. Denn neben den sportlichen Herausforderungen galt es, sich in einem leistungsorientierten Auswahlprozess immer wieder neu zu beweisen.
Wie anspruchsvoll dieser Weg war, zeigt ein Blick auf die ursprüngliche Kaderzusammensetzung. Von den zehn Spielern, die damals zum Aufgebot gehörten, ist lediglich einer bei sämtlichen Turnieren dabei gewesen. Leistungsentwicklung, Verletzungen und nicht zuletzt eine Regeländerung sorgten dafür, dass sich die Mannschaft im Laufe der Zeit immer wieder veränderte. Besonders bitter war dies für einige Spieler des Jahrgangs 2008: Durch den vom Internationalen Olympischen Komitee festgelegten Stichtag blieben von den 17 Spielern des Vorjahres nur fünf übrig, die noch nicht 18 Jahre alt waren und damit für die Jugendolympischen Spiele infrage kamen.
Gleichzeitig eröffnete sich dadurch jüngeren Talenten die Chance, sich in den Vordergrund zu spielen. Zwei Spieler des Jahrgangs 2010 und ein weiterer Akteur des Jahrgangs 2009 gehören nun zum Aufgebot. Für alle gilt: Die Nominierung ist bereits ein besonderer Moment. „Es ist eine spannende und emotionale Reise“, betont Bansa.
Dass die deutschen Nachwuchs-Beachhandballer heute überhaupt auf die olympische Bühne dürfen, ist eng mit einer Entscheidung verbunden, die das Internationale Olympische Komitee bereits 2013 getroffen hat. Damals wurde beschlossen, Beachhandball anstelle des Hallenhandballs in das Programm der Olympischen Jugendspiele 2018 aufzunehmen. Für die Sportart bedeutete das einen wichtigen Impuls. Während sich der Erwachsenenbereich über Weltmeisterschaften und die World Games bereits international etabliert hatte, eröffnete sich nun auch für den Nachwuchs eine Perspektive, die zuvor kaum vorstellbar gewesen war.
„Das wurde damals als echte Chance verstanden, dass Beachhandball irgendwann bei Olympia dabei sein kann“, erinnert sich Bansa. Paris 2024 war für ihn und viele Wegbegleiter das große Ziel. Dass es letztlich nicht gelang, Beachhandball in das Programm der Olympischen Sommerspiele aufzunehmen, änderte jedoch nichts an der grundsätzlichen Motivation.
Für Bansa selbst begann die Reise sogar noch deutlich früher. Bereits 2016 war er für die erste deutsche Junioren-Nationalmannschaft im Beachhandball verantwortlich. Viel Vorlaufzeit blieb damals nicht: Ohne lange Vorbereitung ging es direkt zur Europameisterschaft nach Portugal. Für alle Beteiligten war das eine aufregende Premiere. Sportlich schlug sich die Mannschaft beachtlich, scheiterte allerdings im Viertelfinale. Dass Deutschland damals nur knapp an einer noch größeren Überraschung vorbeischrammte, blieb dennoch in Erinnerung. Es war der Startschuss für den internationalen Junioren-Beachhandball aus deutscher Sicht.
Ein Jahr später schien sich sogar die Tür zu den Jugendolympischen Spielen in Buenos Aires zu öffnen. Die notwendigen Unterlagen waren bereits ausgefüllt, Deutschland stand als möglicher Nachrücker bereit. Doch die Internationale Handballföderation (IHF) entschied sich letztlich für eine andere Lösung. „Wir haben gehofft, aber es hat nicht sollen sein“, sagt Bansa. Seitdem sei es das erklärte Ziel gewesen, den Weg bis zu einer tatsächlichen Teilnahme konsequent zu Ende zu gehen.
Dass dieser Traum heute Realität wird, ist auch das Ergebnis jahrelanger Aufbauarbeit innerhalb des Deutschen Handballbundes. Bansa erinnert sich noch gut an das Jahr 2007, als er selbst als Spieler aktiv war. Damals hatte Deutschland letztmals eine Nationalmannschaft bei internationalen Beachhandball-Wettbewerben gestellt. Anschließend wurden die finanziellen Mittel für die Sportart gestrichen. Erst mit personellen Veränderungen im Präsidium und der späteren Entscheidung des IOC eröffnete sich eine neue Perspektive.
Eine zentrale Rolle spielte dabei Jens Pfänder, der seinerzeit als Beachhandball-Koordinator beim DHB einstieg und sich für die Weiterentwicklung der Sportart einsetzte. Es galt, Strukturen aufzubauen, Überzeugungsarbeit zu leisten und immer wieder neue Unterstützer zu gewinnen. „Da wurden dicke Bretter gebohrt“, beschreibt Bansa diesen Prozess. Umso bedeutender sei es nun, dass die Teilnahme an den Jugendolympischen Spielen ein starkes Zeichen für den deutschen Beachhandball setze.
Dabei ist die Vorbereitung auf ein solches Großereignis nicht allein eine sportliche Herausforderung. Auch abseits des Spielfeldes wartet auf die Mannschaft ein erheblicher organisatorischer Aufwand. Medizinische Untersuchungen, zahlreiche Nachweise, Datenschutzbestimmungen und umfangreiche bürokratische Vorgaben müssen erfüllt werden. Gerade bei einem größeren Kader bedeutet das für Trainer und Betreuer viel zusätzliche Arbeit. Bis sämtliche Listen ausgefüllt und alle Voraussetzungen erfüllt sind, vergeht einiges an Zeit.
Sportlich sieht sich Bansa derweil gut gerüstet. Im Sommer sammelte die Mannschaft bei Turnieren der German Beach Open (GBO) weitere Erfahrungen. Hinzu kamen Sichtungsmaßnahmen, die dem Trainerteam einen umfassenden Überblick über die Leistungsfähigkeit der Spieler verschafften. Mitte Oktober steht in Witten noch ein letzter Lehrgang an, ehe Anfang November beim Kick-off des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) die Einkleidung auf dem Programm steht. Anschließend geht es über Brüssel nach Dakar.
Vom 9. bis zum 13. November werden die deutschen Junioren dort um olympische Ehren spielen. Für Bansa ist das nicht nur sportlich ein besonderer Termin. Die Jugendolympischen Spiele finden erstmals auf dem afrikanischen Kontinent statt. Auch die olympische Flamme ist bereits auf ihrer Reise durch das Gastgeberland. Für die jungen Athleten dürfte neben dem sportlichen Wettkampf deshalb auch das kulturelle Erlebnis eine prägende Erinnerung bleiben.
Wie weit sich der deutsche Beachhandball seit den ersten internationalen Auftritten der Junioren entwickelt hat, lässt sich auch an den Namen jener Spieler ablesen, die damals bereits Teil der Mannschaft waren. Hendrik Prahst und Moritz Ebert – heute wichtige Bausteine in der Männer-Nationalmannschaft – gehörten ebenso zum ersten Jahrgang wie Co-Trainer Felix Molsner. Bei der damaligen U18 war zudem Miro Schluroff dabei, der inzwischen als Nationalspieler im Hallenhandball auf sich aufmerksam macht.
Es sind Beispiele dafür, wie aus den ersten Schritten einer jungen Sportart langfristige Entwicklungen entstehen können. Was einst mit einer kurzfristig zusammengestellten Mannschaft und einer aufregenden Reise nach Portugal begann, hat mittlerweile eine Perspektive geschaffen, die weit über einzelne Turniere hinausgeht.
Für die Spieler, die im November in Dakar auflaufen werden, schließt sich damit ein Kreis, den sie selbst vor einigen Jahren noch gar nicht überblicken konnten. Sie sind Teil einer Entwicklung, die von vielen Menschen angestoßen und über Jahre vorangetrieben wurde. Und sie bekommen nun die Gelegenheit, ihre eigene Geschichte zu einem Kapitel der deutschen Beachhandball-Historie zu machen.
Der lange Weg nach Olympia ist für sie damit nicht zu Ende. Er erreicht in Dakar vielmehr einen vorläufigen Höhepunkt.
Text: Enrico Niemeyer