Juri Knorr: „Wir sind eine echte Einheit“
Vor den finalen EM-Tests gegen Kroatien spricht der DHB-Spielmacher über seine Rolle, seinen Wechsel nach Dänemark und die EHF EURO
Voller Fokus auf die EHF EURO heißt es seit Sonntag für Bundestrainer Alfred Gislason und seine 18 Nationalspieler. Die ersten Trainingseinheiten in Hannover sind absolviert, am Mittwoch geht es zum ersten von zwei Testspielen gegen Vize-Weltmeister Kroatien nach Zagreb, das am Donnerstag um 20.30 Uhr (live auf sportschau.de) angepfiffen wird. Am Sonntag (18.05 Uhr, live in der ARD) folgt das Rückspiel in der ausverkauften ZAG arena in Hannover.
Und am kommenden Dienstag geht es nach Dänemark – die sportliche Heimat von Juri Knorr, dem einzigen DHB-EM-Fahrer, der nicht für einen Verein aus der DAIKIN HBL aufläuft. Im vergangenen Sommer wechselte der Spielmacher von den Rhein-Neckar Löwen zum dänischen Meister und zweifachen Champions-League-Finalisten Aalborg Handbold, seine zweite Auslandsstation nach einem Jahr beim FC Barcelona als 18-Jähriger.
„Für mich war es der nächste logische Schritt. Mich reizte es, wieder ins Ausland zu gehen, eine andere Sprache und Kultur zu erleben und mich im Handball weiterzuentwickeln. Aber auch in Aalborg bin ich noch auf meinem Weg. Der Verein ist sehr ambitioniert, viele Menschen arbeiten im Umfeld und in der Halle sehr hart daran, dass wir erfolgreich sind“, sagt Knorr, der mittlerweile schon so weit dänisch spricht, dass er den Gesprächen folgen kann. „Ich bekomme Dänisch-Unterricht, aber ich lerne zudem auch viel zuhause.“
Im dänischen Herning warten in Vorrundengruppe A am 15. Januar Österreich, am 17. Januar Serbien und am 19. Januar Spanien (alle um 20.30 Uhr, live in der ARD, im ZDF und auf DYN) auf die deutsche Mannschaft und ihren Dänemark-Legionär. Im Falle des Weiterkommens folgt die Hammer-Hauptrunde mit potentiellen Gegnern wie Dänemark, Frankreich, Norwegen und Portugal.
„Schon die Vorrundengruppe ist unglaublich hart. Und das, was danach in der Hauptrunde kommt, ist das schwerste Turnier überhaupt, was den Weg ins Halbfinale betrifft, das ich bisher erlebt habe. Jedes Hauptrundenspiel ist wie ein Viertelfinale. Wenn wir also weiterkommen, haben wir vier Viertelfinals. Das wird extrem hart, aber: Ich glaube aber auch, dass nicht so viele Mannschaften gerne gegen uns spielen wollen“, sagt Knorr, der seine dritte Europameisterschaft spielt. 2024 wurde er – wie bei der WM 2023 und den Olympischen Spielen 2024 – ins Allstar-Team gewählt.
Sein Länderspieldebüt gab Juri Knorr im Oktober 2020, mitten in Corona-Zeiten in der EM-Qualifikation gegen Bosnien-Herzegowina – es war auch für Alfred Gislason das erste Länderspiel als Bundestrainer. „Als ich zum ersten Lehrgang kam, war ich der Jüngste, da spielte noch eine ganz andere Generation. Mit dem Umbruch nach Olympia im Tokio kamen viele junge Spieler dazu, jetzt gehöre ich mit 25 Jahren schon fast zu den Älteren, wenn wir zum Aufwärmen Fußball spielen“, sagt Knorr: „Anfangs hatte ich noch keine richtige Rolle, da wuchs ich erst mit der Zeit rein. Ich bin glücklich, dass mir Alfred Gislason immer so viel Vertrauen geschenkt hatte, dass ich dann meine Rolle gefunden habe und dem Team so helfen kann. Gleiches gilt für Sebastian Hinze, der mich als Trainer der Rhein-Neckar Löwen sehr stark gefördert hat.“
Mittlerweile ist Knorr mit 25 Jahren ein gewachsener Führungsspieler, der Kader wurde stark verjüngt, und der Spielmacher fühlt sich extrem wohl in dieser Gruppe: „Ich mag die Struktur, die wir in der Mannschaft haben. Wir sind eine echte Einheit. Viele kennen sich aus den Nachwuchs-Nationalmannschaften schon seit längerer Zeit. Es ist einfach eine sehr homogene Mannschaft. Es herrscht immer eine lockere Stimmung. Die Leute verziehen sich nicht schnell aufs Zimmer, sondern wir sitzen immer noch lange zusammen. Das macht einfach Spaß. Ich genieße es extrem, weil es für mich ein vertrauteres Umfeld ist, als das, was ich gerade noch im Verein habe.“
Der Umbruch lief problemlos, auch weil es nur wenige Altersunterschiede gibt, meint Knorr: „Generell ist es einfach, in diese Mannschaft integriert zu werden. Wir haben eine flache Hierarchie und keine großen Egos. Wir sind einfach ein Haufen junger Typen, die sich gegenseitig schätzen und mögen.“
Sein Zimmergenosse ist – wie schon bei den Löwen – Torwart David Späth, und beide bilden eine verschworene Gemeinschaft: „Mit David habe ich auch aus Dänemark viel Kontakt, wir telefonieren oft miteinander. Es ist einfach etwas anderes, wenn man mit einem Kumpel auf dem Zimmer ist. Es gibt natürlich noch ein bisschen mehr Sicherheit in dieser Konstellation.“
Mit Blick auf die EHF EURO hofft Knorr auf ähnliche Leistungen der DHB-Auswahl wie beim 42:31-Sieg im Testspiel gegen Island Ende Oktober in Nürnberg, als er neun Tore aus neun Versuchen beisteuerte: „Wir müssen an diese Leistung anknüpfen. Wie gegen Island müssen wir noch mehr aus dem Tempospiel kommen, weil uns diese einfachen Tore unglaublich helfen können. Im Positionsangriff ist es immer schwieriger, Tore zu werfen. Um ein Spiel zu dominieren, muss man über die Abwehr und das Tempospiel kommen, und so einfache Tore generieren. Dafür haben wir das Spielerpotenzial.“
Generell sieht Knorr aktuell eine „große Breite und Variabilität in unserem Angriff. Wir brauchen Spieler, die man in jeder Situation aufs Feld bringen kann. Wir müssen in verschiedenen Konstellationen funktionieren. Wir müssen es schaffen, dass wir als Gruppe funktionieren.“
Ob seine Rolle dabei eher die des Lenkers oder die des Torschützen ist, ist Knorr egal: „Ich versuche, der Mannschaft mit dem zu helfen, was ich mache auf der Platte. Ich kann Tore werfen, ich kann aber auch das Spiel leiten und lenken. Das sind die Aufgaben eines modernen Spielmachers. Ich lenke gerne das Spiel, sage die Taktik an und kreiere Chancen für meine Mitspieler. Gleichzeitig will ich aber auch selbst torgefährlich sein, wenn sich die Situation anbietet.“
Vor allem an seinem Tempospiel müsse er noch arbeiten, meint Knorr: „Ich liebe es schnell zu spielen, gehe dabei auch gerne etwas Risiko ein, auch wenn die Trainer das vielleicht nicht immer gerne sehen. Aber Risiko gehört dazu. Gleichzeitig will ich erwachsen und immer für die Mannschaft spielen. Da muss ich dran arbeiten, genau wie an meinem Abwehrspiel. Aber das ist ein stetiger Prozess. Ganz wichtig ist, dass ich an mich Glaube und immer Respekt vor meinen Zielen und meinem Spiel habe.“
(BP)