Der Griff nach Europas Krone
Im Finale der U18-EM trifft die deutsche Mannschaft auf Slowenien – und sinnt auf Revanche
14 Jahre nach EM-Gold der Generation um die aktuellen A-Nationalspieler Timo Kastening und Jannik Kohlbacher greift die deutsche U18-Nationalmannschaft am Sonntag wieder nach Europas Krone: im Finale der U18-Europameisterschaft im serbischen Belgrad geht es ab 19.30 Uhr gegen Slowenien (live auf EHFTV.com). Es ist nicht nur die Chance auf das dritte EM-Gold dieser Altersklasse nach 2008 und 2012, sondern auch die Chance zur Revanche für die 28:30-Niederlage im ersten Hauptrundenspiel gegen die Slowenen.
Nach dem die Mannschaft von Erik Wudtke am Freitag Spanien im Halbfinale mit 32:27 besiegt hatte, machten es die Slowenier danach mit dem 26:17 gegen Dänemark noch deutlicher. Matchwinner war Torwart Mai Miklavcic mit 14 Paraden. Die Slowenen haben somit das Finale nach einer beeindruckenden Serie von sieben Siegen in sieben Spiel erreicht – und werden definitiv ihre erste Medaille überhaupt bei einer U18-Europameisterschaft gewinnen, denn es ist ihr erstes Finale in dieser Altersklasse.
„Slowenien spielt sehr schlau, mit einer sehr hohen Entscheidungsqualität. Sie locken den Gegner, wenn du zu emotional oder aggressiv verteidigst, sie lassen den Ball sehr clever laufen und spielen auch unter Druck noch sehr gute Pässe“, lobt Bundestrainer Erik Wudtke den Finalgegner, der im Hauptrundenspiel gegen Deutschland von einem 6:1-Lauf vor der Pause profitierte: „Wir haben da emotional etwas überdreht, die finale Aufholjagd kam zu spät. Und dass Slowenien jetzt im Finale steht, zeigt, dass wir nicht gegen eine Luschenmannschaft verloren haben“, blickt Wudtke auf das erste Duell zurück: „Am Sonntag müssen wir zwar mit Emotionen, aber auch mit kühlem Kopf agieren.“
Die deutsche Mannschaft, die nach zwei Hauptrunden-Niederlagen eigentlich schon ausgeschieden war, dann aber dank der Siege von Slowenien (gegen Serbien) und Dänemark (gegen Färöer) doch noch den Sprung unter die besten Acht schaffte, zeigte gegen Island im Viertelfinale und Spanien (Halbfinale) die Qualität des gesamten Kaders, unterschiedliche Spieler traten ins Rampenlicht. „Wir haben es geschafft, dass immer wieder Spieler, die vorher nicht so auffällig waren, Glanzlichter gesetzt haben, wie Julius Eisend gegen Island oder Julius Pöthke gegen Spanien. Es geht nicht immer darum, wer in der Starting-7 aufläuft, sondern wer am Ende auf dem Feld steht“, sagt Wudtke.
Für den Bundestrainer war vor allem die Weiterentwicklung der Abwehr der Schlüssel dafür, dass sein Team nun um Gold kämpft: „Wir verteidigen ganz anders als zum Turnierstart, wir haben uns der Linie der Schiedsrichter angepasst, die deutlich mehr Härte zulassen als in der Bundesliga. Hier wird das Abwehrspiel mehr belohnt, mehrt Härte ist möglich, und wir haben jetzt das richtige Maß an Zweikampfaggressivität.“
In der Vorbereitung aufs Finale setzt der DHB-Trainerstab auf möglichst viel Routinen, eine seriöse Vorbereitung und Analyse, aber zugleich darauf, „den Jungs klarzumachen, dass das ein besonderes Spiel ist. Ihr spielt um die Krone, das ist eine fantastische Belohnung für ihr Investment in den letzten Monaten und Jahren. Da dürfen es auch schon ein paar mehr Emotionen sein“, sagt Wudtke.
Zu den acht Spielern im DHB-Team, die genau 288 Tage vor dem EM-Finale am 1. November 2025 schon U17-Weltmeister durch den Sieg gegen Ägypten in Marokko geworden waren, gehört der Kieler Julius Eisend, der vor allem in der zweiten Turnierhälfte in Serbien enorm aufdrehte. „Wir haben uns nach dem Halbfinale zusammen gefreut, das war ein tolles Gefühl in der Kabine, aber wir haben das Spiel dann auch schnell abgehakt und freuen uns schon aufs Finale. Da muss man die schönen Ergebnisse hinter sich lassen.“
Für Eisend ist der Teamspirit das entscheidende Merkmal für den Erfolg: „Wir machen gemeinsam unfassbar viel richtig, von der Kommunikation über das Teamgefüge. Durch die Siege im Viertelfinale und Halbfinale sind wir noch enger zusammengerückt.“
Auch der eher ungewöhnliche Turnierverlauf sei bedeutsam: „Nach der Niederlage gegen Frankreich waren wir sehr enttäuscht, wir haben gezittert und gehofft, dass wir noch weiterkommen. Zum Glück war das der Fall – und das war dann für uns auch der letzte Push, diese Freikarte fürs Viertelfinale. Das hat uns wachgerüttelt – und das haben wir genutzt“, sagte Eisend, gegen Island bester DHB-Werfer und ansonsten der Staubsauger vor der Abwehr. Fürs Finale hofft er, dass „wir Mut und Selbstvertrauen auftreten, eine gute Abwehr stellen und dann gewinnen“. Dabei sollen auch wieder die Familien auf den Rängen die Zusatz-Motivation geben: „Es gibt doch nichts Schöneres, als Siege mit dem Team und der Familie zu feiern. Das ist so was wie Heimatgefühl.“
Die „große Familie“ mit Staff, Zuschauern und Team sieht auch Erik Wudtke als absolut intakt an, zum Beispiel, wie Mats Brigzinsky das Team von der Tribüne unterstützt, nachdem er durch seinen nachnominierten Magdeburger Teamkameraden Tim Thielicke ersetzt wurde. „Er gibt dem Team so viel Energie mit, auch das spricht für die tolle Moral in der Mannschaft. Und ohne einen so tollen Zusammenhalt im Staff, wie wir ihn haben, kommt man in einem solchen Turnier auch nicht so weit.“
(Björn Pazen)