Martin Thöne und Marijo Zupanovic. - Foto: Ronald Göttel
Martin Thöne und Marijo Zupanovic. - Foto: Ronald Göttel

712 Einsätze, 29 Jahre, drei blaue Karten

27.07.2026 | Schiedsrichter

 

Martin Thöne und Marijo Zupanovic beendeten in diesem Sommer ihre Schiedsrichter-Karriere. Ein Rückblick

Martin Thöne (48) 
Schiedsrichter von 1995 bis 2026

Marijo Zupanovic (46) 
Schiedsrichter von 1996 bis 2026

Das erste gemeinsame Spiel …
…war im August oder September 1996, „höchstwahrscheinlich ein Jugendspiel in Berlin“, wie Thöne/Zupanovic vermuten. Die beiden Vereinskollegen waren vorher als Einzel-Schiedsrichter unterwegs, bevor sie sich mit 17 und 18 Jahren zu einem Gespann zusammenschlossen – auf Initiative ihres damaligen Trainers, Jörg Loppaschewski, ebenfalls langjähriger Schiedsrichter im Deutschen Handballbund.
Zupanovic: „An den ersten Einsatz mit Martin kann ich mich nicht erinnern, aber an mein erstes Spiel als Schiedsrichter schon. Ich wurde damals als Jugendlicher zu einem Pokalspiel in der männlichen B-Jugend in unserem Bezirk geschickt. Ich bin komplett untergegangen.“

Foto: Ronald Göttel
Foto: Ronald Göttel

Schiedsrichter im Deutschen Handballbund seit der Saison 2001/02

712 Einsätze für den Deutschen Handballbund

Die Debütspiele in den Bundesligen:

2.Bundesliga Männer: 
15. Dezember 2001, Stralsunder HV vs. SV Anhalt Bernburg

2.Bundesliga Frauen:
5. Januar 2002, TSV Niederndodeleben vs. TSG Wismar

1.Bundesliga Frauen: 
11. Januar 2003, PSV Rostock vs. TV Mainzlar

1.Bundesliga Männer: 
8. November 2006, SC Magdeburg vs. GWD Minden

Spielzeiten im Elitekader: 10 (2016/17 bis 2025/26)

Das letzte gemeinsame Spiel…

…am 7. Juni 2026 in der Merkur Ostseehalle in Kiel. Der heimische THW Kiel unterlag dem TBV Lemgo Lippe mit 31:34 (15:16). Die Statistik von Thöne/Zupanovic: Zehn Siebenmeter, vier Hinausstellungen, keine rote Karte: „Ein richtig schöner Abschluss.“

Gefahrene Kilometer als Schiedsrichter:
ca. 400.000 Kilometer (laut der sorgfältig gepflegten Excel-Liste)

Aufgehobene Spielnotizkarten: 
Beide lachen: „Martin alle, Marijo keine.“

Weitester Anfahrtsweg zu einem Spielort: 
760 Kilometer nach Balingen

Foto: Ronald Göttel
Foto: Ronald Göttel

Die härteste Sanktion: 
Drei blaue Karten, null Ausschlüsse.

Die beste Entscheidung…
… war eine Entscheidung, die sie nicht getroffen haben. Im November 2024 lieferten sich der ThSV Eisenach und die MT Melsungen ein packendes Duell. Wenige Sekunden vor dem Abpfiff stand es unentschieden, als der Underdog den Ball in der Schlussphase noch einmal nach vorn trieb. Melsungen versuchte 15 Meter vor dem eigenen Tor, das Stümerfoul zu ziehen, doch Thöne/Zupanovic entscheiden nicht - und Filip Vistorop erzielte den Siegtreffer für Eisenach.
„Das war eine krasse Nicht-Entscheidung“, sagen sie rückblickend. „Es ist eine der typischen Fifty-Fifty-Situationen, aber das Stürmerfoul zu geben, hätte nicht in das Spiel gepasst.“ Das sah auch der damals anwesende Coach Marcus Helbig so. „Wir haben richtig gutes Feedback bekommen“, freuen sich Thöne/Zupanovic. „Die Entscheidung nicht zu treffen, war die beste Entscheidung.“

Die schwierigste Entscheidung…
… ist schwierig auszuwählen, nach 29 Jahren auf dem Spielfeld. Nach kurzem Überlegen  entscheiden sich Thöne/Zupanovic für eine Szene aus der Begegnung THW Kiel gegen SC Magdeburg während der Corona-Zeit. Der damalige Magdeburger Torwart Jannick Green pariert einen Ball und der Abpraller rollt in Richtung Außenposition. Green hechtete hinter „und springt wie Superman in Richtung des Außenspielers, der den Ball aufnehmen will“, erinnern sich die Unparteiischen. „Er ist am Ball dran, aber der Spieler rutscht weg und geht zu Boden.“
Thöne/Zupanovic entschieden damals auf Freiwurf für den Außenspieler, „weil wir es nicht als klare Torgelegenheit bewertet haben. Aber es ging alles so schnell, wir hätten uns einen Videobeweis gewünscht, denn es war eine super schwierige Entscheidung – und im Nachhinein falsch.“

Die lustigste Situation auf dem Spielfeld …
… bringt Zupanovic heute im Rückblick zum Lachen, in der Szene selbst war das anders. „Ich habe einen Kempa nicht vorhergesehen“, beschreibt der Berliner. „Der Außenspieler springt mit einem extrem guten Winkel ab und ich war sicher, dass er wirft. Ich laufe als Torschiedsrichter also schon los in Richtung Mittellinie - und sein zum Kempa einspringende Mitspieler springt mir in den Rücken. Im Nachhinein ist das lustig, in der Situation war es mir einfach peinlich.“

Der größte Aufreger auf dem Spielfeld …
… beschäftigte Thöne/Zupanovic 2010 auch noch Tage nach dem Abpfiff. Eine Entscheidung in der Frauen-Bundesliga zog einen Einspruch und eine Gerichtsverhandlung nach sich. Kurz zusammengefasst ließen die Berliner einen direkten Freiwurf am Spielende wiederholen. Thöne als Feldschiedsrichter pfiff an, „doch nahezu im gleichen Moment pfiff auch Marijo als Tor-Schiedsrichter - und dummerweise pfiffen wir zwei verschiedene Dinge“, erinnert sich der Berliner. „Ich wollte das Spiel anpfeifen, während Marijo eine Strafe gegen die Bank aussprechen wollte, weil sie lautstark protestiert haben.“
Die Werferin von Frisch Auf Göppingen nahm den Pfiff von Thöne jedoch als Anpfiff wahr und ihr Wurf über den Block ging tatsächlich ins Tor. „Die Halle ist explodiert, das wäre der Ausgleich gewesen“, beschreibt Thöne. „Das war es jedoch nicht, denn wir haben das Tor zurückgenommen, die Progression gegen die Bank gegeben und den Freiwurf wiederholen lassen.“ Der zweite Versuch war nicht drin und so ging das Spiel am Ende mit einem Tor für Blomberg aus.
Die Folge? Eine unglaubliche Aufregung in der Halle, zahllose Telefonate auf der Rückfahrt und eine Gerichtsverhandlung, weil Göppingen Einspruch eingelegt hatte. „Wir waren fest überzeugt, dass es sich um eine Tatsachenentscheidung handelt, aber das Gericht hat anders geurteilt und die Situation als Regelverstoß gewertet, weshalb ein Wiederholungsspiel angesetzt wurde. Das war hart für uns.“

Der schönste Moment auf dem Spielfeld …
… lässt sich nicht auswählen. „Ob ein Debüt in einer neuen Liga, der Supercup der Frauen oder das letztjährige Pokal-Viertelfinale der Männer zwischen den Rhein-Neckar Löwen und dem ThSV Eisenach, was einfach Spaß gemacht hat: Wir haben an viele Einsätze tolle Erinnerungen“, betonen Thöne/Zupanovic. „Es ist unmöglich, nur einen Moment herauszupicken, denn es sind ganz viele schöne Momente.“

Der schönste Moment neben dem Spielfeld …
… fällt den beiden Berlinern jedoch sofort ein. „Der Cuba Libre nach dem Spiel im Hotel“, verraten sie mit einem Grinsen. „Nach einem Einsatz einfach zusammenzusitzen und das Spiel noch einmal Revue passieren zu lassen: Das wird uns fehlen.“

Foto: Ronald Göttel
Foto: Ronald Göttel

Das größte Learning …
… war die Erkenntnis, dass man eine bessere Leistung bringt, wenn man sich nicht unter Druck setzt. „Unter Druck bist du anders, nicht du selbst - und nur, wenn du natürlich wirkst, kannst du deine bestmögliche Performance abrufen“, beschreibt Zupanovic. „Es ist unglaublich, wie feinfühlig Spieler, Trainer und Zuschauer in diesem Punkt sind. Sie spüren, wenn du ihnen etwas vormachst.“
So konnten Thöne/Zupanovic gerade ihre letzten Einsätze noch einmal richtig genießen. „29 Jahre hatten wir den Druck, bestehen zu müssen, aufsteigen zu wollen, uns in der Liga halten zu wollen“, sagen sie. „In den letzten Spielen, als für uns schon feststand, dass wir aufhören, haben wir viel positives Feedback von Außen bekommen, weil wir viel entspannter gewirkt haben und wir das Spiel und die Emotionen toll moderiert hätten.“

Der größte Erfolg … 
… ist kein besonderer Einsatz, kein tolles Spiel, kein einzelnes Erlebnis. „Wir haben in 29 Jahren viele Nackenschläge einstecken müssen“, sagt Zupanovic. „Wir haben falsche Entscheidungen getroffen, wir sind vom Publikum beschimpft worden, wir sind abgestiegen. Nach meinem Achillessehnenriss wurden wir zurückgestuft. In der Oberliga hat mich ein Spieler nach einer roten Karte gewürgt. Wir sind aber immer wieder aufgestanden und haben unser großes Ziel, den Elitekader, erreicht.“
Seit 2016 gehörten Thöne/Zupanovic durchgehend dem Elitekader des Deutschen Handballbundes an: „Dass wir uns über eine so lange Zeit auf diesem Niveau gehalten haben, macht uns stolz.“

Eine offene Frage … 
… begleitet Thöne/Zupanovic seit ihren Anfängen als Schiedsrichter: „Wir haben uns nach knappen Spielen und jedem Unentschieden gefragt: Wie wäre das Spiel mit einem anderen Schiedsrichter-Gespann ausgegangen?“

Aufgezeichnet von Julia Nikoleit