Jens Vortmann (rechts) mit Nils Blümel. - Foto: Ronald Göttel
Jens Vortmann (rechts) mit Nils Blümel. - Foto: Ronald Göttel

Abpfiff nach dem letzten Spieltag

15.06.2026 | Schiedsrichter

 

Wegweisendes Projekt mit Schiedsrichter-Team Blümel/Vortmann endet / Das Modell Ex-Profi an der Pfeife hat Zukunftscharakter

Mit dem Schlusspfiff der Partie HC Elbflorenz Dresden gegen TSV Bayer Dormagen hat für Jens Vortmann und Nils Blümel am Pfingstmontag in der BallsportArena Dresden die gemeinsame Laufbahn an der Pfeife geendet. „Es war eine unheimlich tolle und aufregende Zeit mit Jens“, bilanziert Blümel, Sprecher der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter aus dem Elitekader und mit knapp 800 Einsätzen für den Deutschen Handballbund einer der erfahrensten Unparteiischen.

Gemeinsam mit Schiedsrichter-Neuling Vortmann, ehemaliger Nationalspieler und Bundesliga-Torhüter unter anderem für den HSV Hamburg und den SC DHfK Leipzig, absolvierte Blümel in den vergangenen zwölf Monaten 31 Spiele für den Deutschen Handballbund. Nachdem sich das neue Duo in der 3. Liga bewährt hatte, wurden Blümel/Vormann ab Herbst 2025 auch auf Bundesligaebene eingesetzt.

„Was Jens geleistet hat, verdient höchsten Respekt“, betont Blümel. „Innerhalb von nur gut einem Jahr hat er aus dem Stand den Sprung - ohne vorherige Schiedsrichter-Erfahrung - bis in die 2. Bundesliga der Männer und die 1. Bundesliga der Frauen geschafft.“

Trotzdem wird das Modellprojekt nach der Saison 2025/26 beendet. „Mir macht das Pfeifen viel Spaß, aber ich musste leider feststellen, dass ich die geforderte Anzahl der Spiele und die nötige Verfügbarkeit nicht darstellen kann“, begründet Vortmann. „Neben einem Vollzeitjob und drei kleinen Kindern zuhause bleibt einfach in meiner persönlichen Konstellation nicht ausreichend Zeit.“

„Dass wir dieses Projekt nicht weiterführen können, hat ausschließlich organisatorische Gründe“, unterstreicht auch Blümel. „Jens lebt in Berlin, pendelt beruflich mehrmals in der Woche nach Hamburg und möchte natürlich auch seiner Verantwortung für die Familie voll gerecht werden. All das mit den hohen Anforderungen und dem zeitlichen Aufwand im Bundesligabereich des DHB-Schiedsrichterwesens zu vereinbaren, war eine zu große logistische Herausforderung.“

Schiedsrichter-Chefin Jutta Ehrmann zeigt sich trotz des Endes dieses Modellprojektes zufrieden. „Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir ergebnisoffen an das Experiment herangehen - und da gehörte die Möglichkeit, dass unser Projekt-Team nicht ganz oben ankommt, natürlich dazu“, sagt sie. „Jens war hochmotiviert, hat sich in den vergangenen Monaten als Schiedsrichter gut entwickelt und mit mehr Aufwand, der nun mal notwendig ist, hätte daraus mehr werden können. Alle Beteiligten haben erlebt, dass der Weg für ehemalige Handballprofis ins Schiedsrichterwesen möglich ist – und genau das nehmen wir als Gewinn mit.“

Der Schritt der beiden Unparteiischen, das Modellprojekt nach einer Saison zu beenden, zeige aber auch, welche Anforderungen das Schiedsrichterwesen an die Unparteiischen stelle. „Allgemein dürfte die Erwartung gewesen sein, dass das Projekt auf dem Feld scheitert, aber das ist eben nicht der Fall“, so Ehrmann. „Dieses Beispiel zeigt ganz klar, welchen Einsatz wir unseren Unparteiischen zeitlich und logistisch abverlangen und was alles neben dem Pfeifen eine Rolle spielt.“

Das berufliche und familiäre Umfeld, welches das Pfeifen im Deutschen Handballbund ermöglicht, wächst bei den Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern in der Regel über die Jahre kontinuierlich mit, um den mit jeder Liga steigenden Anforderungen gerecht werden zu können. „Es wird als Selbstverständlichkeit gesehen, dass unsere Leute pünktlich und top-vorbereitet an den Spielorten eintreffen und auch nach einem normalen Arbeitstag ihre Bestleistung abrufen“, so Ehrmann. „Das ist natürlich auch unser Anspruch, aber dahinter stecken über die Jahre gewachsene und aufgebaute Strukturen und das dürfen wir nie vergessen. Die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Pfeifen ist mindestens ebenso wichtig wie die Leistung auf dem Feld.“

Während die Schiedsrichter-Laufbahn von Vortmann im Deutschen Handballbund endet, will Blümel seine Karriere fortsetzen. Bis Sommer 2025 absolvierte der Berliner 765 Einsätze für den DHB gemeinsam mit seinem langjährigen Partner Jörg Loppaschewski. Nach einem Jahr mit Vortmann („Es bleibt ein Gefühl der Dankbarkeit für dieses großartige gemeinsame Jahr und die schöne Zeit, die wir zusammen auf der Platte verbringen durften.“) soll es für Blümel mit einem neuen Teampartner weitergehen; die Gespräche laufen aktuell.

„Ich freue mich, dass uns mit Nils ein erfahrener Unparteiischer erhalten bleibt“, sagt Ehrmann. In der kommenden Saison ist vorerst kein vergleichbares Projekt-Team geplant, aber mittel- bis langfristig will die Leiterin des Schiedsrichterwesens eine Wiederholung keinesfalls ausschließen. „Sportlich ist das Experiment gelungen und wir sind offen für einen weiteren Anlauf, erfolgreiche Handballerinnen und Handballer an die Pfeife zu bringen, wenn Wille und Motivation da sind“, betont sie. „Ehemalige Spielerinnen und Spieler bringen eine andere, eine eigene Sichtweise auf das Pfeifen mit und wir können sicherlich viel von- und miteinander lernen.“

Ein weiteres Projekt-Team dürfe aber niemals „ein Marketing-Gag sein“, das ist Ehrmann wichtig. „So ein Modell muss für allen Seiten sinnvoll sein und leistungstechnisch eine Perspektive haben, das sind wir allen Beteiligten, den Vereinen und dem deutschen Schiedsrichterwesen schuldig. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, werden wir das genau prüfen, aber jetzt richtet sich unser Fokus voll und ganz auf die Vorbereitung für die kommende Spielzeit.“

Nach einer rund sechswöchigen Sommerpause versammeln sich der Elite- und Elite-Anschlusskader vom 24. bis zum 26. Juli 2026 zum Vorbereitungslehrgang in Halberstadt; ein Wochenende später (31. Juli bis 2. August) reist der Bundesligakader an. Die Lehrgänge für die Drittliga-Schiedsrichter finden vom 17. bis 19. Juli oder 14. bis 16. August statt; der Perspektivkader kommt vom 21. bis 23. August 2026 zusammen.

Julia Nikoleit