Lenn Strobel im deutschen Rückraum. - Foto: Lucija Begenisic
Lenn Strobel im deutschen Rückraum. - Foto: Lucija Begenisic

„Das Limit weiter verschieben“

05.08.2026 | U-Teams

 

Deutsche U18 geht selbstbewusst, aber auch bescheiden ins EM-Viertelfinale 

Der Dienstagabend war ein absolutes Wechselbad der Gefühle für die männliche U18 des Deutschen Handballbundes. Nach der 28:29-Niederlage gegen Frankreich im zweiten Hauptrundenspiel der EM in Serbien hatte das Team von Erik Wudtke sein Schicksal nicht mehr selbst in der Hand, sondern mussten in den abschließenden Partien auf Schützenhilfe hoffen, um noch ins Viertelfinale einzuziehen. „Wir sind nach unserem Spiel gleich zum Essen, hatten dort schon Liveticker und Livestream an, dann haben wir uns im Physiozimmer getroffen, um beide Partien im Livestream zu verfolgen“, berichtet Nationalspieler Lenn Strobel von der JSG Balingen-Weilstetten. Und am Ende wurde gejubelt: Weil Serbien und die Färöer – die direkten Kontrahenten um das letzte Viertelfinalticket – ihre Partien gegen Slowenien und Dänemark verloren, zog die DHB-Auswahl als zweitbester Dritter noch in die Runde der letzten Acht ein. 

„Wir Trainer haben parallel schon Spiele von möglichen Gegnern heruntergeladen, während die beiden Partien liefen, aber genau wie die Spieler haben wir die Tore von Dänemark und Slowenin wohlwollend zur Kenntnis genommen“, sagte Bundestrainer Erik Wudtke am Mittwoch beim digitalen Medientermin des DHB. Nun trifft die bislang achtbeste Mannschaft des Turniers im Vierteifinale auf die beste: am Donnerstag (17 Uhr, live bei ehftv.com) geht es gegen Island.  „Island ist das beste Team hier. Sie profitieren davon, dass ihre Spieler schon im Erwachsenenbereich in Erstligaklubs mittrainieren und dort von den besten Trainern weiterentwickelt werden. Aber Island hat auch was zu verlieren, wir blicken auf das, was wir gewinnen können – nämlich weitere Spiele gegen Topnationen. Vielleicht macht die Gesamtkonstellation die Isländer etwas nervös, aber bisher machen sie noch keinen nervösen Eindruck", sagt Erik Wudtke. 

Sein Team traf bereits mehrfach auf Island, sowohl beim Turnier auf den Färöer im Vorjahr und zuletzt beim internationalen Turnier in Merzig Ende Dezember, als die DHB-Auswahl das Finale gegen die „Wikinger“ mit 31:28 gewann. „Das war eine enge Geschichte, und die Isländer haben sich seither enorm weiterentwickelt. Für uns ist es nicht leicht, den Vorsprung, den wir dort hatten, zu verteidigen“, sagt der Bundestrainer. Der freut sich natürlich über den Einzug ins Viertelfinale, sieht aber vor allem den generellen Lerneffekt, den sein Team in Serbien gerade durchmacht: „Jeder hat gesehen, wie wichtig die internationalen Vergleiche auf Topniveau für unsere Spieler sind, um zu sehen, wie der Standard in anderen Ländern ist. Das betrifft zum Beispiel die körperliche Entwicklung bei den Franzosen oder die technisch-taktische Grundausbildung bei den Slowenen. Es ist toll zu sehen, wie unsere Jungs es in beiden Spielen trotz der Niederlagen geschafft haben, sich an das Niveau heranzuarbeiten und in allen Bereichen Fortschritte zu machen. Man kann enttäuscht sein über die Ergebnisse, aber die Entwicklung durch diese beiden Spiele für die Spieler ist enorm.“ 

Vor allem Kampfgeist und Einstellung haben auch in der EM-Hauptrunde gestimmt, betont der Bundestrainer: „Sie haben in beiden Spielen alles rausgehauen, sie spielen an ihrem Limit und wir wollen dieses Limit weiter verschieben. Das ist der Sinn von Entwicklung.“ Dabei sieht Wudtke in einigen Bereichen aber noch Luft nach oben: „Wir haben Schwierigkeiten, uns im 1-gegen-1 durchzusetzen und Torgefahr aus dem Rückraum zu entwickeln, wir haben Schwierigkeiten den Kreisläufer zu finden und wir kämpfen mit einigen Grundelementen. Zudem fällt es unseren Spielern schwer, unter Druck konsequent richtige Entscheidung zu treffen. Wir können nicht alles nur mit Kampf lösen. Allerdings geht es hier auch physisch ganz anders zur Sache als in den Jugend-Bundesligen. Die Schiedsrichter lassen viel mehr laufen, das ist schon eine andere Regelinterpretation als in Deutschland.“ 

Aber gerade die Entwicklung der Zweikampfhärte in der Defensive sieht Wudtke als Entwicklungserfolg an – vor allem gegen Frankreich. „Da hat Julius Eisend vorne in der 5:1-Abwehr gekämpft wie ein Löwe.“ Lobende Worte findet der Bundestrainer in Sachen Angriff zudem für Toma Gadza („er wirft sich in jeden Zweikampf rein“) und Lenn Strobel, den Jüngsten im Team, der laut Wudtke viel Verantwortung übernimmt: „Wir haben Spieler mit Potenzial, das sie auch in Leistung beim Turnier ummünzen. Die Chance im Viertelfinale setzt Kräfte frei, wir gehen mit viel Selbstbewusstsein ins Spiel, werden die Füße aber auch am Boden lassen, was die Turnierziele betrifft. Wir treffen als Achter auf den Ersten – und die Zahlen lügen nicht.“ 

Auch U17-Weltmeister Lenn Strobel, dessen Bruder Bennet im Vorjahr unter Wudtke U19-Weltmeister wurde, sieht diese Entwicklungsschritte im Team: „Dieses Turnier ist extrem wichtig für uns, wir können viel mitnehmen aus jedem Spiel. Und wir sind eine Kämpfermannschaft. Gegen Slowenien und Frankreich lagen wir Mitte der zweiten Hälfte mit vier, fünf Torne hinten und haben uns wieder zurückgekämpft. Wir sind ein Team, das zusammensteht und kämpft bis zum Ende.“  

Die aktuelle U18-EM sei anders als die U17-WM im Vorjahr: „Leistungsmäßig kann man die Turniere nicht vergleichen, in Marokko waren nur das Halbfinale und Finale hart.“ Weil er aber schon weiß, wie sich ein Halbfinale anfühlt, ist die Vorfreude auf das Viertelfinale umso größer: „Das wird ein intensives und schnelles Spiel gegen Island. Wir hauen alles rein, um ins Halbfinale zu kommen.“ Einen „Zweikampf“ mit seinem Bruder Bennet, der mit der U20 vor einigen Wochen im EM-Viertelfinale in Rumänien stand und dieses gegen den späteren Europameister Ungarn verlor, gibt es derweil nicht im Hause Strobel: „Wir stehen in Kontakt, aber es gibt keine battle. Wir sind beide stolz, dass wir so etwas erleben dürfen und können.“ 

In den weiteren Viertelfinals der U18-EM in Serbien kommt es am Donnerstag zu den Duellen Spanien – Frankreich, Dänemark – Kroatien und Slowenien – Ungarn. Nächster deutscher Gegner ist am Freitag entweder Spanien oder Frankreich, wahlweise der Sieger dieses Duells im Halbfinale oder der Verlierer in der Runde um die Plätze fünf bis acht.