Spielnahe Ausbildung für Torhüter im Fokus
Ab August bietet der DHB die nächste Zertifikatsausbildung zum Torhütertrainer an - Mattias Andersson erklärt, worauf es dabei ankommt
Torhüterinnen und Torhüter waren und sind zentrale Garanten für den sportlichen Erfolg von Mannschaften. Gleichzeitig hat sich ihr Anforderungsprofil im modernen Handball noch einmal deutlich weiterentwickelt und unterscheidet sich heute in vielen Bereichen klar von dem der Feldspielerinnen und Feldspieler. Damit wächst auch die Bedeutung spezialisierter Torhütertrainerinnen und Torhütertrainer innerhalb der Trainerteams.
Der Deutsche Handballbund bietet daher schon seit zehn Jahren die Zertifikatsausbildung zum Torhütertrainer an. Unter der Leitung von Mattias Andersson (Bundestrainer Torhüter) startet die nächste Torhütertrainerausbildung im August. In zwei Präsenzmodulen – 21. bis 23. August und 13. bis 15. November, jeweils in Großwallstadt – sowie einer trainingspraktischen Langzeitaufgabe zu „Grundtechniken und Positionierung“ erhalten Torhütertrainer, speziell im Nachwuchsleistungsbereich, alle Grundlagen für die Trainingspraxis mit Torhütern. Anmeldeschluss ist der 26. Juni. Weitere Informationen hier.
Welche Bedeutung das Torhüterspiel im aktuellen Handball hat, auf was es besonders ankommt und was bei Nachwuchstorhütern im Fokus steht, erläutert Matthias Andersson in diesem Interview.
Wie hat sich das Torhüterspiel in den letzten Jahren verändert?
Mattias Andersson: Generell ist das Handballspiel deutlich dynamischer und zweikampforientierter geworden. Es entstehen mehr freie Würfe aus der Nahwurfzone nach Durchbrüchen, dafür weniger Distanzwürfe aus dem Rückraum. Das gibt den Torhüterinnen und Torhütern weniger Möglichkeiten, sich Sicherheit im Spiel zu holen. Das Torhüterspiel ist dadurch zunehmend durch kognitiv-mentale Anforderungen gekennzeichnet. Das heißt: Torhüter müssen das Spiel viel besser lesen lerne, müssen ein höheres taktisches Verständnis entwickeln und durch Antizipation des Spiels ihre und eine gute Positionierung besser auf die zu erwartenden Abschlüsse vorbereitet sein. Technik bleibt eine wichtige Grundlage. Entscheidend ist heute aber zunehmend, Technik situationsangemessen einsetzen zu können. Es geht heute viel mehr um Wahrnehmungs- und Antizipationsleistung als um die reine Technik. Eine gute Positionierung kann technische Defizite teilweise kompensieren. Umgekehrt reicht gute Technik nicht mehr aus, wenn man das Spiel nicht lesen kann.
Was bedeutet das für die Torhüter-Ausbildung?
Mattias Andersson: Die Torhütertrainer benötigen heute ein anderes Verständnis davon, was sie den Torhütern mitgeben wollen. Der Hauptteil des Torhütertrainings besteht nicht mehr darin, dass Trainer und Torhüter auf der einen Seite des Feldes isoliert trainieren, sondern, dass die Torhüter möglichst viele Spielsituationen mit der Mannschaft erleben. Natürlich gibt es auch weiterhin das isolierte Training, zum Beispiel für Torhütertechniken, aber die Integration der Torhüter in das Mannschaftstraining ist absolut zentral für die Entwicklung von Torhütern. Teilweise sehen wir in sozialen Medien Trainingsformen, die attraktiv wirken, weil sie ausgefallen oder spektakulär sind. Das spiegelt aber nicht die Spielrealität der Torhüterinnen und Torhüter wider. Wir setzen daher ganz auf spielnahe Ausbildung. Auch Torhütertrainer muss sich weiterentwickeln, müssen das ganze Spiel besser verstehen können.
Sie sind schon viele Jahre im DHB-Trainer- und Lehrstab für die Torhütertrainerausbildung zuständig – was hat sich seither geändert?
Mattias Andersson: So ziemlich alles. Wenn ich auf meine Anfänge beim DHB zurückblicke und schaue jetzt auf unsere aktuellen Ausbildungsinhalte dann ist fast nichts mehr von früher dabei.
Welche speziellen Aspekte hat die Torhütertrainer-Ausbildung im Nachwuchsbereich?
Mattias Andersson: Entscheidend ist, dass junge Torhüter von Beginn an lernen, das Spiel zu verstehen. Das klingt zunächst sehr einfach, aber die Trainingsrealität zeigt, dass Torhüter schon sehr früh im Kinder- und Jugendbereich isoliert von Rest der Mannschaft trainieren, und dadurch viele Lernchancen verpassen. Damit wird später, auf der Schwelle zum Seniorenbereich, der Schritt zu groß. Wir wollen Nachwuchstorhütern daher wichtige Grundprinzipien des Spiels vermitteln, sie gleichzeitig weniger auf starre Technikleitbilder festlegen. Jeder Torhüter und jede Torhüterin muss ihr eigenes Spiel entwickeln.
Welche Rolle haben Torhüter-Trainer im System des gesamten Trainerstabs?
Mattias Andersson: Torhütertrainer müssen deutlich enger mit dem gesamten Trainerteam zusammenarbeiten, damit die Torhüter und das Torhütertraining sinnvoll in das normale Mannschaftstraining integriert werden können. Sie müssen für ihre Arbeit wissen, welche Abwehrtaktik die Mannschaft verfolgt, welche Spielideen eigene, aber auch gegnerische Teams haben. Die Torhüter müssen intensiv darauf vorbereitet werden, was sie im Spiel erwarten kann. Das alles fließt dann in ihr Training als Spezialist ein. Und dieser Punkt der Kooperation mit dem Trainerstab spielt in unserer Ausbildung natürlich auch eine wichtige Rolle.
Welche Aspekte stehen daneben noch im Zentrum der Torhütertrainer-Ausbildung beim DHB?
Mattias Andersson: Natürlich vor allem die zentralen Basics, wie ich Techniken und Positionierung vermittele und spielnah einsetze. Zudem geht es auch um mentales Training für Torhüter oder wie ich individuell mit unterschiedlichen Torhütertypen arbeiten kann und ihnen klares, entwicklungsorientiertes Feedback gebe. Wir schauen aber auch immer über den eigenen Tellerrand und bringen Beiträge und Impulse aus anderen Teamsportarten in unsere Ausbildung.
An welche Zielgruppe richtet sich die DHB-Torhütertrainerausbildung?
Mattias Andersson: Es geht vor allem um Trainer, die Torhüter im Aufbau- und Anschlusstraining der Landesverbände sowie in den Nachwuchsleistungszentren der der HBL- und HBF-Vereine ausbilden, also vorrangig im Nachwuchsbereich tätig sind.