„Mit Stillstand werden wir nicht erfolgreich sein“
Gold, Silber, Bronze im Beachhandball – Chef-Bundestrainer Marten Franke zieht eine Sommer-Bilanz
Marten Franke, Chef-Bundestrainer Beachhandball, hat zwei erfolgreiche Wochen in Zagreb hinter sich. Er führte die Männer-Nationalmannschaft erst zum WM-Titel und erlebte dann als Delegationsleiter zwei Medaillen bei der Jugend-Europameisterschaft mit. Im Interview blickt der 31-Jährige auf die Erfolge zurück, spricht über die Strukturentwicklung der vergangenen Jahre und wirft einen Blick auf die kommenden Großereignisse voraus…
Die deutschen Beachhandball-Nationalmannschaften haben in Zagreb einen kompletten Medaillensatz gewonnen. Nach zwei Wochen am Jarun Lake kann man festhalten: Es war eine erfolgreiche Zeit für den Deutschen Handballbund, oder?
Franke: Definitiv. Wir haben mal wieder bewiesen, dass wir sowohl in der Jugend als auch bei den Senioren zu den absoluten Top-Nationen gehören. Natürlich ist die Goldmedaille bei der Weltmeisterschaft herausragend, aber auch die Silber- und Bronzemedaille in der Jugend sind starke Ergebnisse, auf die wir sehr stolz sind. Und auch unsere Frauen haben einen sehr guten 5. Platz geholt.
Gehen wir die Medaillen durch: Es begann mit dem WM-Gold deiner Mannschaft. Wie blickst du mit ein bisschen Abstand auf den Titel?
Franke: Es ist immer noch absolut überwältigend. Ich kann es noch nicht ganz fassen, dass wir es tatsächlich geschafft haben, und mich freut das einfach maximal, weil wir es in meinen Augen auch verdient haben. Man muss der Mannschaft ein Riesen-Lob aussprechen. Was die Jungs über sechs Tage geleistet haben, wie sie in jedem Spiel performt haben, ist in meinen Augen einmalig. Ich habe in den vergangenen Jahren immer gesagt, dass es nicht darauf ankommt, dass man jedes Spiel gewinnt, denn eine Niederlage hast du als Turniersieger in der Regel trotzdem dabei. Diese Regel haben wir zu unserer Freude gebrochen und insofern bin ich maximal stolz. Das Gefühl dürfen wir noch einen kurzen Moment genießen, aber dann gilt der Fokus der nächsten Beachsaison.
Bei der Jugend gab es Silber für die Jungen und Bronze für die Mädchen …
Franke: Mit zwei Teams dabei gewesen zu sein und mit zwei Medaillen nach Hause zu fahren, ist ein riesiger Erfolg für den Deutschen Handballbund. Es war eine überragende Leistung der Jungs und Mädels. Die männliche Auswahl ist absolut verdient ins Finale eingezogen. Sicherlich hatten wir auch Glück – vielleicht auch das Glück des Tüchtigen – in den Crunch-Time-Situationen wie beispielsweise im Halbfinale, aber die Jungs mit Trainer Konrad Bansahaben eben auch Ruhe bewiesen und waren klar in den entscheidenden Momenten. Auch die weibliche Auswahl mit Trainer Dennis Redlich hat ein sehr, sehr starkes Turnier gespielt. Das Halbfinale gegen Ungarn als späteren Europameister war vielleicht nicht unser Spiel, aber in der Hauptrunde haben wir geschafft, sie zu schlagen.
Was bedeuten die Erfolge in der Jugend für die Zukunft?
Franke: Wir schauen bei der Jugend immer auf die Entwicklung und da sind beide Medaillen für uns Gold wert. Wir haben zwar noch keine Gewissheit, aber die hohe Wahrscheinlichkeit, dass beide Teams sich für die Weltmeisterschaft nächstes Jahr qualifiziert haben. Und wenn ich als Männer-Trainer auf die Leistung der Jungs gucke, sind da mit Sicherheit einige Talente dabei, die wir in Zukunft auch bei den Männern sehen werden.
Was macht den deutschen Beachhandball aktuell so stark?
Franke: Die Flexibilität. Wir haben sehr viele Optionen, weil wir sehr viele Spieler:innen im Angebot haben. Wenn wir nur die Championships als Beispiel nehmen: Wir sehen dort knapp 200 Talente, das ist ein riesiger Schritt im Vergleich zu der Situation vor einigen Jahren. Bei dem Pool können wir immer einen Kader zusammenstellen, der in Abwehr und Angriff viele Optionen bietet. Und hinzukommt, dass wir diese Flexibilität auch spielerisch zeigen können. Die Jugend hat verschiedene Angriffsaufstellungen gezeigt, das ist sehr ausbildungsorientiert. So lernen die Jugendlichen früh viele Facetten des Beachhandballs kennen und können sie auf hohem Wettkampfniveau üben.
Und ihr Trainer schafft es offenbar auch, die richtigen Spieler*innen zu nominieren?
Franke: Definitiv, das ist auch die Aufgabe eines Nationaltrainers (lacht). Wir haben hochqualifiziertes Trainerpersonal in unseren Reihen, was wir sehr zu schätzen wissen. Gemeinsam mit der grundsätzlichen Professionalisierung, die wir im Strukturbereich im Beachhandball durchgeführt haben, sind wir sehr gut aufgestellt, um Jahr für Jahr schlagkräftige Mannschaften in den Sand zu bringen.
Für alle, die im Beachhandball nicht so drin sind: Was waren die Schritte der eben angesprochenen grundsätzlichen Professionalisierung?
Franke: Wir haben in den vergangenen Jahren einen unglaublichen Qualitätszuwachs, was die Strukturen angeht. Die bereits erwähnten Championships sind ein Kernelement, das ich unbedingt nennen möchte. Jahr für Jahr präsentieren und die Landesverbände dort ihre Toptalente. Wir haben sehr viel angeschoben, um auch die Qualität der Deutschen Jugend-Meisterschaft zu erhöhen. Der Kampf um die Plätze ist eng geworden und an dem Niveau, was von den finalen acht Teams gespielt wird, erkennt man die hohe Qualität der Jungs und Mädels. Über unser Stützpunktsystem haben wir sichergestellt, dass unsere Talente in den Sommermonaten ein kontinuierliches Training auf Topniveau bekommen. Wir haben die Regionalstützpunkte erweitert und in die Hände der Landesverbände gegeben.
Und mit Blick auf das Personal?
Franke: Die Trainerausbildung ist sicherlich ein ganz wichtiger Schritt. Außerdem ist das Hauptamt natürlich ein großes Thema, seit August 2023 gibt es mit mir einen Chef-Bundestrainer Beachhandball, der sich 24/7 um die sportlichen Belange des Beachhandballs kümmern kann. Jetzt kommt Ruben Voßhans als Disziplintrainer Beachhandball dazu, der den Fokus auf den weiblichen Bereich legen wird, weil ich natürlich schwerpunktmäßig im männlichen Bereich bin. Dass wir uns aufteilen können, wird sehr hilfreich sein. Wir arbeiten in allen Nationalmannschaften mit Sportpsychologen, was ein riesiger Entwicklungsschritt ist. Man merkt, dass unsere Teams noch reifer agieren als es vor einigen Jahren der Fall war.
Was ist der nächste Schritt, um das Level zu halten?
Franke: Ein ganz aktuelles Thema ist der Aufbau eines Elitekaders für den männliche und weiblichen Bereich, um die Lücke zwischen Jugend- und A-Nationalmannschaft besser zu gestalten und die Anschlussförderung zu optimieren. Insgesamt holen wir aus dem, was wir haben, aktuell sehr viel raus und sind nahe am Maximum. Es wäre natürlich wünschenswert, noch mehr Leute – Spieler*innen und qualifizierte Trainer*innen – in den Beachhandball zu bekommen. Dazu wird der DHB seine Anstrengung beitragen. Wir tun auch sonst viel dafür, damit wir noch mehr wahrgenommen werden. Dyn überträgt die Großturniere und wir sind auf Social Media präsent, das ist beides wichtig, aber je mehr Wahrnehmung unsere Sportart erfährt und je professioneller das Auftreten ist, desto mehr Kinder und Jugendlichen bekommen wir in den Sand. Spanien ist das beste Beispiel: Sie haben jedes Jahr so viele Mannschaften bei sich im Sand, dass es fast automatisch dazu führt, dass sie eine starke Auswahl zusammenstellen können. Dafür wollen wir versuchen, die Wettkämpfe noch attraktiver zu gestalten, sodass Beachhandball noch mehr gesehen wird und es für jeden ein Highlight ist, in den Sommermonaten in den Sand zu gehen.
Welche Rolle spielen die German Beach Open für die Entwicklung?
Franke: Sowohl im Erwachsenen- als auch im Jugendbereich spielen sie eine ganz wichtige Rolle. Aus meiner Perspektive als Männer-Bundestrainer: Alle Spieler sind intensiv auf der GBO-Tour unterwegs, das ist das Alltagsgeschäft. Die Spieler müssen dort einfach die entsprechende Praxis sammeln. Ein Top-Spieler zu sein und dann im Sommer nur bei der Nationalmannschaft zu sein, reicht nicht, wenn man oben dabei sein will. Die Spieler brauchen diese regelmäßige Wettkampfpraxis, um ab Ende Mai in den Beachmodus reinzukommen und so bei EM oder WM auf Topniveau spielen zu können. Es ist noch Potenzial da, dass die Wettkampfdichte enger wird, aber auch in diesem Punkt sehen wir eine Entwicklung. Durch die Jahrgänge, die aus der Jugend hochkommen, drängen neue Mannschaften nach und bringen frischen Wind in die GBO-Serie. Ich bin optimistisch, dass die Wettkampfdichte dadurch steigt, sodass wir durchgehend schöne und interessante Wettkämpfe sehen und die Crunch-Time-Situationen, die wir bei der Nationalmannschaft immer haben, möglichst häufig auch in der deutschen Serie erleben.
Unter diesem Gedanken steht die Anpassung des Modus beim Finalturnier. Statt eine Vorrunde in zwei Fünfergruppen und Viertelfinals gibt es in diesem Jahr erstmals drei Dreiergruppen und anschließend eine Hauptrunde mit zwei Dreiergruppen, an die sich das Halbfinale anschließt. Was ist der Hintergrund?
Franke: Wir schaffen mehr Eventcharakter und das ist wichtig für die Deutsche Meisterschaft. Durch den neuen Modus gibt es statt einer langen Vorrunde nur noch zwei Spiele pro Turnierphase. Wenn du das erste Spiel verlierst, bist du im zweiten Spiel zum Siegen verdammt, um die Chance auf den Titel zu haben. Wir wollten möglichst viele solcher Do-or-Die-Spiele, mit viel Kribbeln und Emotionen. Das sind ja auch für die Zuschauer die interessanten Spiele. Ich hoffe, dass wir einen guten Modus gefunden haben. Da es für uns ein großes Thema ist, in die Innenstädte zu kommen, brauchen wir auch ein Turnierformat, das auf einem Spielfeld durchführbar wäre.
Werfen wir abschließend noch einen Blick über diesen Sommer hinaus. Im Herbst fliegt die männliche Jugend-Nationalmannschaft zu den Olympischen Jugend-Spielen in den Senegal. Wie schaut ihr auf diese neue Aufgabe?
Franke: Wir haben viele Jahre dafür gekämpft, erstmalig bei Olympischen Jugend-Spielen dabei zu sein. Insofern ist die Vorfreude natürlich jetzt schon riesig und wir richten unseren vollen Fokus darauf. Viele Jungs, die hier Silber gewonnen haben, werden im Kader stehen und es wird ein Riesen-Erlebnis für alle sein. Wir werden jetzt weiter versuchen, das Team maximal gut vorzubereiten.
Im kommenden Jahr stehen dann wieder die regulären Großturniere an. Bei der Europameisterschaft in Litauen wird die Männer-Nationalmannschaft das erste Mal als unmittelbarer Titelverteidiger antreten …
Franke: … und es wird auch das Ziel sein, den Titel zu verteidigen, da können wir uns nicht drumherum winden. Wir wissen aber auch, wie eng die Weltspitze beieinander ist. Es wird für uns in den kommenden Monaten darum gehen, uns weiterzuentwickeln und den nächsten Schritt zu gehen. Mit Stillstand werden wir nicht erfolgreich sein.
Wie sieht es bei den anderen Teams aus? Die Frauen haben ebenfalls die Europameisterschaft, in der Jugend stehen eine Welt- und eine Europameisterschaft an.
Franke: Die Frauen befinden sich an der ein oder anderen Stelle in einem personellen Umbruch. Es waren jetzt schon einige jüngere Spielerinnen im Team von Bundestrainer Alexander Novakovic erst- oder zweitmalig dabei, da wird es darum gehen, sie weiter in die Verantwortung zu bringen. In der Jugend müssen wir abwarten, für welche Jahrgänge genau die Europameisterschaft sein wird, das ist leider noch nicht bekannt. Wir sollten aber dank der Championships auf jeden Fall gut aufgestellt sein und blicken frohen Mutes auf das kommende Jahr.
Und, nicht zu vergessen - die U19-Weltmeisterschaft …
Franke: Definitiv. Es ist eine sehr schöne Sache, dass wir den Jahrgang 2008/2009 bei noch einem weiteren Turnier sehen können. Eigentlich waren die Jungs und Mädels ja schon bei uns in den Männern und Frauen, aber dann gab es die Änderung, dass die Weltmeisterschaft in der U19 statt der U17 ausgetragen wird. Eine Juniorenmeisterschaft zu haben, bevor die Spieler*innen vollständig den Schritt in die Erwachsenen machen, ist super; bisher war die älteste Altersklasse die U17. Wir haben die Anschlussförderung in den letzten fünf, sechs Jahren bei den Männern und Frauen zwar sehr gut hinbekommen, aber je stärker unsere A-Nationalmannschaft auftreten, umso schwieriger wird dieser Schritt. Daher begrüßen wir die Änderung der Altersklasse, denn das wird uns bei der Heranführung der Talente an die A-Mannschaften extrem helfen.
Letzte Frage: Wo verbringt der Chef-Bundestrainer Beachhandball, der im Sommer gefühlt durchgehend im Sand steht, seinen Sommerurlaub? Auch am Strand?
Franke: Nein (lacht). Es ist in den Sommermonaten durch den Beachhandball schwierig, überhaupt in den Urlaub zu fahren, daher versuchen meine Freundin und ich, im Frühjahr oder Herbst oder auch zu den Weihnachtstagen wegzukommen. Berufsbedingt bin ich also viel in der Sonne, habe aber wenig Sommerurlaub. Das nimmt man aber natürlich gerne mit, wenn man so erfolgreich ist!
Interview: Julia Nikoleit