Noah Hensen trifft zum Sieg der Tüchtigen
DHB-U20 startet mit 31:30-Erfolg in die Europameisterschaft
Mit einem dramatischen Auftakt sind die deutschen U20-Junioren in die Europameisterschaft in Rumänien gestartet. Die DHB-Auswahl setzte sich in fast letzter Sekunde mit 31:30 (16:15) gegen Frankreich durch und holte in Vorrundengruppe A somit die ersten beiden ganz wichtigen Punkte. „Es war ein glücklicher Sieg, aber Glück hat nur der Tüchtige. Dafür kann ich der Mannschaft nur ein großes Kompliment aussprechen. Wir haben immer an uns geglaubt und gezeigt, dass die Moral dieser Mannschaft grandios ist“, fasste Bundestrainer Martin Heuberger zusammen.
Die Hallenuhr in Cluj-Napoca zeigt 59:38 Minuten als Heuberger seine Mannschaft vor dem letzten Angriff zur Auszeit um sich versammelt. Kurze Absprache, Spielanzugansage – Noah Hensen soll’s machen. Der Halbrechte vom SC Magdeburg, der sich in den knapp 60 Minuten zuvor mit fünf Toren aus sieben Versuchen viel Selbstvertrauen verschafft hatte. Zurück auf die Platte, Hensen macht’s wie geplant. Und wie. Zwischen Victor Gildas und Kénissa Triau-Betare findet der Linkshänder die Lücke, bricht zum Kreis durch und trifft fünf Sekunden vor der Sirene zum 31:30. Der Zittersieg ist perfekt, weil den Franzosen im eiligen Gegenstoß die Zeit ausgeht. Spielerisch hat die deutsche Mannschaft sicherlich noch Luft nach oben, aber in Sachen Siegeswille und Moral machte der Mannschaft am Mittwochnachmittag niemand etwas vor.
Die Zeichen standen nach 51 Minuten noch ungünstig und nicht unbedingt auf Sieg, als Samuel Dupuy die Equipe tricolore mit 29:25 in Führung brachte. Dann zog sich die Sieben von Martin Heuberger, dessen Co. Alexander Koke und Torwarttrainer Daniel Sdunek aber am eigenen Schopf aus dem Sumpf. Anel Durmic, in fast schon gewohnter Manier zur zweiten Halbzeit für Finn Knaack ins Tor gekommen, wurde danach mit wichtigen Paraden zum großen Faktor für sein Team. Nur ein Gegentor in den letzten neun Minuten war die Grundlage für die fantastische Aufholjagd in der Crunchtime. Zwei Gegenstöße von Julien Sprößig und einmal Tom Koschek von Linksaußen stellten den Gleichstand zum 30:30 her (58.). Nicht nur deshalb verteilte Heuberger Sonderlob an seine Flügelspieler: „Beide Außen haben ihre Sache sehr gut gemacht.“ Bei Frankreich zitterte immer mehr das Händchen. Rasmus Ankermann, mit sieben Toren bester Schütze, fing hinten den Ball ab, dann rutschte die Kugel Tiago Martiano-Kremer zwischen den Fingern hindurch. Deutschlands Aufholjagd hinterließ im Kopf des Gegners Spuren. Hensens Durchbruch über Halbrechts krönte das späte Comeback gerade rechtzeitig.
Mit 28:21 hatte das Heuberger-Team die Franzosen vor anderthalb Wochen beim Vorbereitungsturnier in Kloten geschlagen. Diesmal lagen beide Mannschaften über die komplette Spielzeit hinweg auf Augenhöhe. Bis zum spektakulären 14:12 durch Sprößig, der einen an den Pfosten springenden Wurf von Schlussmann Knaack aufs leere Tore als Abpraller mit einem Hechtsprung in den Kreis vollendete (23.), betrug der Unterschied maximal ein Tor. Ankermann war auf DHB-Seite die prägende Figur im Angriff, auf französischer Seite war Victor Gildas häufig das Ziel. Der sechsfach erfolgreiche Kreisläufer machte deutlich, dass er bei der Airport Trophy nicht von ungefähr zum wertvollsten Spieler des Turniers ausgezeichnet wurde. Heuberger reagierte auf das kreislastige Spiel mit einem massiven Innenblock, brachte neben Julius Hein den nachnominierten Tom Wolf, der erst vor drei Tagen zur Mannschaft gestoßen war. „Wir haben uns nie aufgegeben. Dieser Sieg kann noch ganz wichtig werden. Das Spiel war fast schon vorbei, aber wir haben gezeigt, dass wir immer an uns glauben“, sagte der Abwehrspezialist von Zweitligist TuSEM Essen.
Nach der 16:15-Halbzeitführung für den amtierenden U19-Weltmeister eröffnete dieser den zweiten Durchgang mit zwei Koschek-Siebenmetern zur 18:15-Führung. In der Viertelstunde danach hakte es jedoch. Über den 19:19-Ausgleich übernahm Frankreich wieder die Initiative und erhöhte auf 24:21 aus seiner Sicht. „Wir hatten gegen die harte 6:0-Deckung in dieser Phase kaum Lösungen parat und haben uns in der Abwehr gegen den siebten Feldspieler schwer getan“, analysierte Heuberger, der nun einen vierten Rückraumspieler brachte, was die akute Schwächephase zunächst behob. Trotzdem blieb die Gegenseite am Drücker. Durmics Paraden gaben noch einmal die zweite Luft für den starken Endspurt. „Und Rasmus hat am Ende noch einmal das Spiel an sich gerissen und unermüdlich gekämpft“, sah der Bundestrainer auch in Rückraumspieler Ankermann einen wichtigen Faktor. Die EHF wählte ihn zum besten Spieler im deutschen Team, mannschaftsintern sah man Tom Wolf in dieser Rolle. „Er war ein wichtiger Eckpfeiler in unserer Deckung“, so Heuberger.
Nach den ersten beiden Punkten geht’s am Donnerstag weiter. Ab 16 Uhr trifft Deutschland in seinem zweiten Vorrundenspiel auf Portugal, das mit 39:21 gegen Griechenland gewann. „Wir müssen uns jetzt schnell erholen. Mit dem Sieg im Rücken haben wir die Chance, die Hauptrunde fast schon klarzumachen. Gegen die spielstarken Portugiesen brauchen wir wieder unsere mannschaftliche Geschlossenheit“, blickt Heuberger voraus. Die Partie gibt’s im Livestream auf www.ehftv.com zu sehen.
Deutschland: Knaack, Durmic – Koschek (7/5), Kleinsteuber, Zink, Rohwer (1), Voß, Ankermann (7), Reichardt (2), Gauer (2), Hensen (6), Hein (1), Strobel (1), Sprößig (4), Wolf, Willax.
Schiedsrichter: Marion Kull/Alvar Tint (Estland).
Zeitstrafen: Deutschland 4 – Frankreich 5.
Siebenmeter: Deutschland 5/5 – Frankreich 2/2.
Disqualifikation: Curcio (Frankreich, 55.).